Ruhrfestspiele Recklinghausen: Ein „dramatisches Rendezvous“

Drahtseilakt: Ein Tänzer balanciert vom Eiffelturm zum Förderturm. Das diesjährige Logo der Ruhrfestspiele in Recklinghausen symbolisiert eine kulturelle Verbindung, über die die französische Bühnenkunst ins Ruhrgebiet kommt.

Vom 1. Mai bis zum 14. Juni 2015 schickt Europas ältestes Theaterfestival zahlreiche Theaterstücke unter dem Motto „Tête-à-tête: ein dramatisches Redezvous mit Frankreich“ auf die Bühne. Auch Musik, Lesungen und Kabarett stehen auf dem Programm. Parallel läuft das Fringe-Festival, das besonders jungen oder unbekannten Darstellern die Möglichkeit geben soll, ihre Arbeit vor einem Publikum aufzuführen. Unter den Veranstaltungen sind auch zahlreiche Ur- und Erstaufführungen.

Einige davon beschäftigen sich in diesem Jahr mit französischen Klassikern, zeigen neue französische Produktionen oder werden in französischer Sprache aufgeführt. Als hochkarätige Gäste reisen unter anderem Juliette Binoche und André Marcon an.

Für den luxemburgischen Leiter der Ruhrfestspiele Frank Hoffmann hat das deutsch-französische Verhältnis eine besondere Bedeutung. Ihn interessiert, wie die beiden Theater- und Kunstszenen einander betrachten, wo sie sich unterscheiden. „Die Ruhrfestspiele 2015 werfen also einen ganz weiten Blick auf das Theater und die Literatur unseres direkten Nachbarn: von Klassikern wie Molière bis hin zu zeitgenössischen Autoren wie Yasmina Reza“, erklärt Pressesprecherin Jana Milde.

Franceallemagne: Eine Hassliebe

In seinem Grußwort sagt Hoffmann, dass es von Frankreich nach Deutschland „ein kurzer Weg“ sei, „denn dieser Nachbar scheint so nah. Aber genauso oft ist er Tausende von Kilometern entfernt. Wie fassen wir ihn, den wir lieben, aber nicht immer verstehen?“ Damit spielt er auf die komplizierte gemeinsame Vergangenheit der beiden Länder an.

Auch die französisch-deutsche Beziehung könnte man als Drahtseilakt bezeichnen. Immer wieder schwankte sie zwischen gegenseitiger Faszination und tiefster Erbfeindschaft. Die Dichterin Madame de Stael war voll des Lobes über deutsche Kultur und Sitten, das höfische Leben in Frankreich galt Friedrich dem Großen als Inbegriff der Eleganz, und die französischen Revolutionsbewegungen inspirierten 1799 und 1848 ähnliche, wenn auch weniger erfolgreiche Versuche in Deutschland.

Nahezu ausgelöscht schien diese Nähe dann allerdings durch die Kriege, in denen Frankreich und Deutschland sich als Gegner gegenüber standen und beide Seiten unsagbares Leid erlebten. Erst unter Charles des Gaulle und Konrad Adenauer wurden die alten Streitigkeiten beiseite gelegt und der Weg für eine gemeinsame Zukunft geschaffen.

Ort kultureller Annäherung

Eingebildete_Kranke_c_SergeMartinez2Das Ruhrgebiet spielte in all dem Durcheinander schon immer eine wichtige Rolle: Als Kohleregion war es in sämtlichen Konflikten hart umkämpft, besonders während des Ruhrkampfes 1923, als die Ruhrpöttler sich gegen die französische Besatzung wegen nicht gezahlter Reparationen auflehnten. Diese Vergangenheit ist Grund genug dafür, dass gerade hier nun ein Festival stattfindet, das auch auf die aktuelle Bedeutung guter nachbarschaftlicher Beziehungen hinweist.

Und wie könnte man sich auf angenehmere Art mit so einem Thema beschäftigen, als zurückgelehnt in einem Theatersessel? Ob bei Molières „Der Eingebildete Kranke“ oder mit den Chansons Serge Gainsbourgs – mit dem diesjährigen Gastland strahlen die Ruhrfestspiele eine eindeutige Botschaft aus: Vive l’amitié franco-allemande! Oder mit Hoffmanns Worten: „Der Drahtseilakt 2015 muss gelingen. Er wird gelingen!“

Fotos: Ruhrfestspiele

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