Büro-Beziehung: Traum oder Hölle?

Fast jeder zehnte Deutsche lernt seinen Partner auf der Arbeit kennen – sagt das Marktforschungsinistitut IFAK in Taunusstein. Ebenso viele hatten schon einmal eine Büro-Affäre. Selbst die Chefs legen inzwischen nach: Zwölf Prozent der Führungskräfte räumten eine Beziehung mit einer Kollegin oder einem Kollegen ein. Der Arbeitsplatz ist zur größten Kontaktbörse Deutschlands geworden. Ein positiver Trend?

Flirts und Affäre sind keine Seltenheit in deutschen Büros. Foto und Teaserbild: pixelio/Gerd Altmann

Flirts und Affäre sind keine Seltenheit in deutschen Büros. Foto und Teaserbild: pixelio/Gerd Altmann

Bis zu zehn Stunden am Tag verbringen wir auf der Arbeit. „Da bleibt natürlich kaum noch Zeit für die Partnersuche“, sagt Berufscoach und Psychologe Josef Albers. Natürlich gäbe es Alternativen zum Arbeitsplatz, zum Beispiel Lokale oder Fitness-Studios. Doch eine Büro-Beziehung habe nicht nur Nachteile: „Man kommt seinen Kollegen sehr nah und teilt mit ihnen viele Dinge in guten und schlechten Zeiten. Man lernt Stärken und Schwächen des anderen kennen und dann entwickelt sich ein Gefühl der Zuneigung. Außerdem trifft man bei der gemeinsamen Arbeit oft Menschen mit gleichen Interessen und Eigenschaften.“

Natürlich gäbe es Menschen, die die Liebe von der Arbeit ablenkt, aber auch diejenigen, die sie beflügelt. „Der Körper produziert vielfach mehr Glückshormone. Das ähnliche Gefühl entsteht, wenn man Schokolade isst“, so der Berufsberater. Das gelte besonders für Menschen mit einem kreativem Beruf.

„Wir ergänzen einander“

So wie die Grafikdesignerin Ranja Ristea-Makdisi. Sie hat ihren Ehemann während der Ausbildung im Jahr 1999 kennen gelernt. „Wir waren in einer Clique und öfter zusammen unterwegs: in der Schule, beim Praktikum, auf einer Party“, erzählt die damals 22-Jährige. Einige Zeit später gaben die jungen Leute sich das Jawort.

Nach der Ausbildung arbeiteten sie zunächst für verschiedene Firmen, gründeten später aber eine gemeinsame Agentur. Heute sind sie rund um die Uhr zusammen: Sie sitzen in einem Büro und auch die Mittagspause verbringen sie zusammen. Und am Wochenende? „Wir verbringen die Zeit mit unserer kleinen Tochter“, erzählt die Unternehmerin. „Natürlich braucht jeder ab und an seinen Freiraum. Aber wir verstehen uns hier gut. Zwischendurch gehen wir getrennt aus – ich mit Freundinnen tanzen, er mit seinen Kummpels auf ein Bier.“

Die schöpferische Zusammenarbeit verbindet das Paar: „Wir konkurieren nicht, sondern ergänzen einander.“ Sie gestaltet die Printmedien. Er beschäftigt sich mit Videos, Apps und Webseiten. Das einzige Problem sei, dass abends eine Frage fehle: „Wie war dein Tag, Schatz?“

Auch wenn Probleme auf der Arbeit entstehen, gibt es für die Unternehmerin viele positive Seiten: „Wenn man Stress auf der Arbeit hat, dann muss man dem Partner nicht viel erklären. Man bekommt alles mit und kann einander sehr gut unterstützen.“

Unsicherheit im Umgang miteinander

Liebe am Arbeitsplatz kann ein Paar vor den Traualtar führen. Foto: morguefile.de/presto44

Liebe am Arbeitsplatz kann ein Paar vor den Traualtar führen. Foto: morguefile/presto44

Es komme oft vor, dass in einer Büro-Beziehung eine Rollenkonfusion stattfindet, sagt Psychologe Albers: „Es gibt Paare, die gar nicht wissen, wie sie sich auf dem Arbeitsplatz mit dem Partner verhalten sollen: Einerseits ist der Ehepartner nebenan, anderseits befindet man sich auf der Arbeit.“

Das kann funktionieren. „Wenn in der Beziehung und auf der Arbeit alles harmonisch läuft, dann kann dieses Gefühl lange halten“, sagt der Berufsberater. Doch wenn irgendwelche Probleme dazwischen kommen, kann die Zusammenarbeit auch zur Hölle werden.

Eine große Belastung

Für Andreas Klier war der Weg zur Arbeit lange wie eine Fahrt in den siebten Himmel. 1984 machte er in Köln seine Ausbildung zum Abteilungsleiter. Immer schneller schlug der Puls, wenn er bei der Nachbarabteilung vorbeilief und seine spätere Lebensgefährtin sah. Sie war damals 21 Jahre alt, arbeitete als Fachverkäuferin.

Es war keine Liebe auf den ersten Blick. Doch dann kam die fünfte Jahreszeit: Es herrschte eine lockere Asmosphäre, alle Mitarbeiter schmückten ihre Abteilungen. „Zuerst haben wir einander begrüßt, dann ein paar Sätze miteinander gesprochen, später sind wir zusammen in die Mittagspause gegangen“, erzählt Klier. Die Schäkerei habe keiner der Kollegen mitbekommen, außer einer Freundin.

Nach knapp einem Jahr konnten sie sich nicht mehr hinter den Regalen verstecken: „Es war zu offensichtlich, dass zwischen uns etwas läuft.“ Die meisten Arbeitskollegen haben sich für die beiden gefreut. Die beiden passen einfach zusammen, meinten sie. Drei Jahre später haben sie geheiratet.

Vorgesetzter des eigenen Partners

Nach der Hochzeit hat Andreas Klier die Stelle gewechselt und wurde als Leiter in der Nachbarabteilung eingestellt – als Vorgesetzter seiner Frau. „Viele Mitarbeiter dachten, ich bevorzuge sie“, erzählt der 50-Jährige. Die Beziehung bekam einen Knacks. Als Chef wollte er den Kollegen beweisen, dass er seinen Job gut macht: „Ich wollte zeigen, dass alle Untergebenen für mich gleichwertig sind, indem ich deutlich strenger zu meiner Frau war als zu den anderen Kollegen.“ Sie musste sich benehmen, als wäre sein strenges Verhalten kein Problem für sie. „Es war sehr schwierig für uns, die Privat- und Arbeitsebene zu trennen“, so Klier.

Immer häufiger habe das Paar die Unstimmigkeiten mit nach Hause genommen. Gespräche über Arbeitsprobleme endeten oft im Streit und wurden zu einer großen Belastung für das Ehepaar.„Dann wurde uns klar, dass wir nicht mehr zusammenarbeiten können und haben uns entschieden, den Job zu wechseln“, erzählt Klier. Doch die Probleme blieben. „Innerhalb einiger Jahren wurde ich acht Mal versetzt und wir mussten ständig von Ort zu Ort umziehen“, erzählt Klier. „Es war ihr zu viel – ständige Umzüge, kein fester Job.“ Als sie vor zehn Jahren letztendlich nach Dortmund gezogen sind, ließen sie sich scheiden.

Ob es nur kleiner Flirt oder die langjährige Ehe – Liebe und Arbeitsplatz sollten voneinander abgegrenzt werden. „Wenn Probleme auf der Arbeit entstehen sollen, dann muss das verliebte Paar entscheiden, wie es weiter auf der beiden Ebenen geht“, empfiehlt der Berufscoach Albers. Die gegenseitige Unterstützung sei dabei sehr wichtig und hilfreich.