Symphonie des Untergangs

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Foto: Sebastian Sprenger

Die Band Kodiak aus Gelsenkirchen setzt auf Experimental-Musik und scheut Vergleiche mit anderen Bands. Sarah Rütershoff war bei einem ihrer Konzerte dabei und erlebte einen Abend, der ihr noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Ein letzter Soundcheck, dann wird nur noch das Licht gelöscht. Kurze Stille, dicht gefolgt von einem langen Dröhnen und Rauschen, das sich über die Anwesenden legt. Leuchtstäbe auf dem Bühnenboden lassen die Konturen der drei Musiker erahnen, blaue Scheinwerfer gehen an, Nebel steigt auf. Alle Sinnesorgane sind beschäftigt mit dem Rauch und Klang, jeglicher Sinn für Raum und Zeit geht innerhalb weniger Sekunden verloren. Die Musik beginnt, die Köpfe nicken im Takt.

Eine Dreiviertelstunde intensivster dröhnender Klänge, mal brodelnd, dann wieder leicht groovend. Sie enden in mehreren kurzen, gewaltvollen Ausbrüchen, die ihre beeindruckten Zeugen zurücklassen. Besonders der Anblick des Drummers beeindruckt, er lebt die Musik regelrecht aus. Und dann: Die letzten Töne dieser schleppenden Symphonie des Untergangs lassen uns Hörer wieder in die Wirklichkeit zurück. Die Erzeugung bedrückender Gefühle gehört zur Intention der Band, so wie der Aufbau eines Equipments oder der Soundcheck. Seit 2005 macht das Gelsenkirchener Trio schon zusammen Musik, seit 2008 aber erst in dieser Konstellation mit dem Namen Kodiak.

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Die Band Kodiak veröffentlichte im Jahr 2009 ihr erstes Album. Seitdem sind sie auf Tour. Foto: Sebastian Sprenger

Vom Proberaum zur Europatour

Mit ihren instrumentalen und düsteren Geräuschen haben sie ihren Sound gefunden, mit dem sie bereits niederländisches, belgisches und französisches Publikum faszinierten. Und heute auch hier vor mir, in ihrem Proberaum in Gelsenkirchen: Lauter Applaus, die Musiker kommen von der Bühne und begrüßen ihre Gäste. Der heutige kleine Auftritt scheint den zufriedenen Gesichtsausdrücken von Sebastian Maiwald (28), Thomas Mrasek (26) und Maik Erdas (26) nach zu urteilen, erfolgreich gewesen zu sein. Das fand auch damals das Label Denovali Records, durch das die drei gebürtigen Gelsenkirchener bereits 2008 einen ersten Einblick ins harte Musikbusiness gewannen.

Aller Anfang ist schwer, doch alles basiert irgendwo auf Bekanntschaften, durch die sie auch eher zufällig an Denovali gekommen sind. Im Jahr 2009 zahlte sich für die Jungs und ihre harte Arbeit ein großer Erfolg aus: die Veröffentlichung eines ersten Albums und eine erste Deutschlandtour, im Anschluss die erste Europatour. Bassist Thomas wirkt nachdenklich und erinnert sich: „Früher mussten wir uns selbst um die Auftritte bemühen, heute bekommen wir mehr Angebote als wir anfragen. In den Anfängen kamen auf E-Mails oft auch gar keine Antworten zurück. Und wenn wir dann mal eingeladen waren, kam es auch vor, dass uns kurzfristig abgesagt wurde und wir durch eine größere Band ersetzt wurden.“

Mit dem Erscheinen des Albums, den vielen Auftritten und dem darauf folgenden Feedback ergänzte sich nach und nach das persönliche Werbematerial. In ihrem jetzigen Label Denovali Records haben die drei ihren idealen Partner und ebenso eine feste Freundschaft gefunden. Hand in Hand steigen sie das Erfolgstreppchen immer weiter empor.

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Düster und dunkel - so wie die Musik sind auch die Lichtverhältnisse auf Kodiaks Konzerten. Foto: Sebastian Sprenger

Mit Spielfreude in den Bann ziehen

Aber gerade die Anfangsschwierigkeiten seien wichtig für eine Band, meint Gitarrist Sebastian, diese Erfahrungen seien sehr prägend: „Was uns beispielsweise fehlt, ist dieser charismatische Frontmann, dieser Showeffekt. Der abgedunkelte Raum und dass wir als Gitarristen oft mit dem Rücken zum Publikum stehen, haben uns anfangs stark abgewertet.“ Dann fügt er hinzu: „Für uns sind die Auftritte aber eine sehr intime Sache, bei der wir uns auch über das Nicken und über Blickkontakt verständigen. Durch die schwere Sicht kann der Zuhörer sich viel besser auf die Musik einlassen.“

Nach dem Auftritt sehe ich vor der Bühne erschöpfte Gesichter und höre lobende Worte. Auch der 22-jährige Zuschauer Leon genießt sichtlich dieses unbeschreibliche Gänsehautgefühl: „So ein Live-Erlebnis ist allen wärmstens ans Herz gelegt. Eine solche Atmosphäre kann soviel zum Hörerlebnis beitragen. Auch wenn diese Musik nicht jedem gefällt.“ Er selbst beschreibt den Stil der Band als anstrengend. Aber das zeugt laut den Besuchern von Können und Spielfreude, durch die das Trio sein persönliches Publikum in den Bann zu ziehen versteht.

Mit der richtigen Einstellung und der gegenseitigen Motivation ist der Erfolg nicht weit. Auch schlechte Stimmung bleibt bei einer Zusammenarbeit auf engstem Raum nicht aus. Drummer Maik findet aber auch mal schlechte Laune nützlich, das belebe die Zusammenarbeit. Er legt seine Arme um seine beiden Bandkollegen und bemerkt überzeugt: „Eine Band ist ja nichts anderes als eine Beziehung: Es geht sehr intim, sehr emotional zu, man streitet und verträgt sich wieder, es wird viel Zeit miteinander verbracht, vor allem bei einer Tour.“ So bestehen die Proben zur Hälfte aus dem Musizieren und zur anderen Hälfte aus Witzelei: Freunde, die Musik machen. An die Auftritte gingen sie natürlich mit einem gewissen Ernst, so die Band, doch der Spaßfaktor dürfe dabei niemals untergehen.

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Viel Nebel und Rauch auf der Bühne erzeugt eine ganz besondere Stimmung. Foto: Mike Wiener

Der Weg ist das Ziel: Rückschläge sind doch Erfahrungen

Charakterlich sind sich die drei sehr ähnlich. Mit ihrem experimentellen Musikgeschmack, der bis in die Black-Metal-Szene reicht, verbringen sie viel Zeit mit Konzert- wie Festivalbesuchen und langen Gesprächen über Musik und was sie sonst noch bewegt. Vergleiche mit anderen Bands ignorieren sie, immer wieder kommen sie auf ihre eigenen Soundvorstellungen zu sprechen. Experimental heißt ihr Genre: Es darf wortwörtlich genommen werden. Das ist wohl auch das, was den Erfolg einer Band gedeihen lässt: eigene Regie, Spielfreude, Ausdauer. Mit der Zeit sind ihre Soundansprüche gewachsen, ihr eigener Soundtechniker aber versteht, was sie machen wollen und unterstützt ihre Experimente.

2008 ging’s dann für die drei erstmalig ins Studio. „Wir hatten nur drei Tage Zeit – ein sehr hoher Druck und vor allem ein Risiko. Und mit einer gewissen Portion Ehrgeiz sind wir durch diesen Studioaufenthalt richtig gut vorwärts gekommen; in Sachen Musik, aber auch in unserer Entwicklung als Band“, sagt Maik. Eine Newcomerband braucht eine Aufgabe, ein Ziel, was sie im Glauben an sich selbst unterstützt. Doch die Ziele wollen sie nicht zu hoch stecken, das Vertrauen nicht verlieren. Wichtig sei, die Rückschläge nicht als solche zu verbuchen, sondern als Erfahrungen.

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Die Gitarristen stehen meist mit dem Rücken zum Publikum, gerade am Anfang hat das eher zu Irritationen im Publikum geführt. Foto: Sebastian Sprenger

Für die Zukunft schweben dem Trio ein weiteres Album und eine vielleicht längere Tournee vor. Dabei spielen die Fahrten zu den Konzerten für die drei immer eine große Rolle, es ist ein besonderer Ritus, den sie nicht missen wollen – wie auch die Begrüßung der wartenden Gäste nach dem Konzert.

Nur wenige schaffen den Sprung aus dem Proberaum auf die Bühne, Kodiak haben ihn geschafft – und dürfen ihren Traum von Musik leben. Erforderlich dafür ist nur eine gesunde Dosis Individualität.

Ein letzter Händedruck, dann wird nur noch das Licht gelöscht. Kurze Stille, dicht gefolgt von einem langen Dröhnen und Rauschen in meinem Kopf, was mich nun auf meinem Nachhauseweg und so bestimmt noch viele Male an dieses besondere Musikerlebnis, an Kodiak, erinnern wird.

Autorin: Sarah Rütershoff