Blindenschrift: Auch spannend für Sehende

Ein Beitrag von Hanne Ermann

Blindenschrift? Klar, diese Punkte! Fast jeder Sehende weiß wie sie aussieht und mancher ist schon mal mit dem Finger drübergefahren. Aber wer weiß eigentlich, dass die Blindenschrift Braille-Schrift heißt? Diese in Frankreich erfunden wurde und am 4. Januar alljährlich der Welt-Braille-Tag stattfindet? Heute wäre der Erfinder der Sechs-Punkteschrift Louis Braille 203 Jahre alt geworden – Grund genug mehr über seine Erfindung zu erfahren und auf „Punktesuche“ an den Ruhr-Unis zu gehen.

Auch im Zeitalter der Laptops hat die gedruckte Braille-Schrift nicht an Bedeutung verloren. Foto: DBSV

Auch im Zeitalter der Laptops hat die gedruckte Braille-Schrift nicht an Bedeutung verloren. Foto: DBSV/ Lautenschläger. Teaserfoto: Andreas Dengs/ pixelio

Der Welt-Braille-Tag erinnert an den Franzosen Louis Braille, der sich im Alter von drei Jahren eine Augenverletzung zuzog und dadurch erblindete. Die heute bekannte Blindenschrift aus sechs Punkten entwickelte er aus einer Zwölf-Punkteschrift, die eigentlich für die Nachrichtenübermittlung im Dunkeln zwischen Soldaten gedacht war.  Im Jahre 1850 wurde die Braille-Schrift in Frankreich offiziell anerkannt. 1879 wurde sie im deutschsprachigen Raum eingeführt.

So funktioniert’s

Als ungelernter Sehender über die sechs Punkte zu fahren ruft eher Verwirrung hervor, als dass im Kopf Wörter entstehen. Um zu verstehen, wie die Schrift funktioniert, solle man sich die Würfelseite mit den sechs Augen hochkant vorstellen, also zwei senkrechte Reihen mit je drei Punkten, rät Klaus Hahn, Vorsitzender des Blinden- und Sehbehindertenvereins Westfalen e.V.  So kann man alle Buchstaben des Alphabets darstellen. Beispielsweise bildet der oberste Punkt der linken Reihe den Buchstaben „a“. Es gibt insgesamt 63 Kombinationsmöglichkeiten, 26 allein für das Alphabet, die Restlichen werden für Sonderzeichen, wie Umlaute oder Satzzeichen verwendet. „Generell wird nicht zwischen Groß- und Kleinschreibung unterschieden. Nur in Ausnahmefällen werden Großbuchstaben markiert, wie bei der höflichen Anrede in Briefen“, erklärt Klaus Hahn.

Die Buchstaben von a-i in der Sechs-Punkteschrift. Foto: Hanne Ermann

Die Buchstaben von a bis i in der Sechs-Punkteschrift. Foto: Hanne Ermann

Jedoch wird nicht jeder Text in Vollschrift, also eine Punktkombination pro Buchstabe, verfasst. Viele Bücher, vor allem auch wissenschaftliche Literatur, sind in Kurzschrift geschrieben. Hier bedeutet ein „a“ in Punktschrift direkt das Wort „aber“ oder ein „b“ bedeutet „bei“. „Das ist ein sehr ausgefeiltes System“, sagt Klaus Hahn, „aber es ist sinnvoll, denn es wäre sehr mühsam jeden Buchstaben einzeln zu erfassen.“ Und beim Buchdruck wird einiges an Volumen eingespart.

Doch ist diese alte Erfindung im Zeitalter der Computer überhaupt noch von Bedeutung? „Definitiv“, sagt Klaus Hahn, „Zwar gibt es am Computer auch Sprachausgaben, aber die schafft nicht immer Eindeutigkeiten.“ Erst die Kombination von Sprachausgabe und Blindenschrift mache das Arbeiten am Rechner sinnvoll. Dazu wird eine Braille-Zeile angeschlossen, die den Text in Punktschrift überträgt, sodass der Blinde oder Sehgeschädigte den Text auf dieser Leiste erfühlen kann.

Die Punkte an den Unis

Die Wichtigkeit der Braille-Schrift haben auch die Ruhr-Unis erkannt. An der Ruhr-Universität Bochum gibt es im Servicezentrum für behinderte Studierende (SZB) einen Computerarbeitsplatz mit Braille-Zeile und Sprachausgabe. Zusätzlich steht eine Blindenschreibmaschine zur Ausleihe zur Verfügung. Wenn es gewünscht wird, können Studierende und Dozenten beim Braille-Printservice Seminarunterlagen und Vorlesungsskripte in Blindenschrift übersetzten lassen.

Die Braille-Zeile überträgt digitale Texte direkt in Blindenschrift, indem die kleinen Punkte nach oben gedrückt werden. Foto: DBSV

Die Braille-Zeile überträgt digitale Texte direkt in Blindenschrift, indem die kleinen Punkte nach oben gedrückt werden. Foto: DBSV/ Lautenschläger

In Dortmund gibt es ein ähnliches Angebot im Arbeitsraum und Hilfsmittelpool des „Dortmunder Zentrum für Behinderung und Studium“ (DoBuS). Auch hier können Studienmaterialien in Blindenschrift umgesetzt, Notebooks mit Braille-Zeile ausgeliehen und an den extra eingerichteten Arbeitsplätzen mit Blindenschrift gearbeitet werden. Zusätzlich gibt es in der Dortmunder Universitätsbibliothek einen Computer mit Sprachausgabe und Braille-Zeile. Die Computerarbeitsplätze für Sehgeschädigte in der Bibliothek der Universität Duisburg-Essen sind dagegen nicht mit einer Braille-Zeile ausgestattet.

Manche haben vielleicht schon die Braille-Schrift auf taktilen, also erstastbaren Lageplänen auf dem Campus gesehen. Auf dem Uni-Gelände in Bochum findet man sie beispielsweise vor dem Audimax. Der Lageplan der TU Dortmund ist derzeit allerdings „eingemottet“, wie Alexandra Bartkowski, Beauftragte für Belange behinderter Studierender erklärt: „Der bisherige Lageplan war durch viele Umbauten veraltet.“ Doch die TU entwickelt im Moment einen neuen ertastbaren Lageplan, der voraussichtlich in diesem Jahr fertiggestellt werden soll.

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