Wenn der Grinch zum Christkind wird

So unfassbar schön die Geburt des eigenen Kindes auch ist: Sie ist unweigerlich damit verbunden, sich von einer ganzen Reihe von Dingen zu verabschieden, die bisher das Leben mitbestimmt hatten.

Als meine Tochter Johanna vor inzwischen fast sechs Jahren Teil meines Lebens wurde, war es vorbei damit, verregnete Sonntage ungestört mit meinem Freund oder einem guten Buch im Bett zu verbringen. Vorbei mit durchfeierten Nächten, ohne an den Morgen danach zu denken. Und vorbei mit der Möglichkeit, es mit Weihnachten so zu halten, wie es mir am liebsten war: Dieses alljährliche Klimbim weitgehend zu ignorieren. Ich gebe zu, ich bin ein totaler Weihnachtsmuffel, eigentlich der Grinch in Person.

Kinder haben viele Fragen zu Weihnachten. Da muss manchmal auch improvisiert werden. Foto: methos04

Kinder haben viele Fragen zu Weihnachten. Da muss manchmal auch improvisiert werden. Foto: methos04

Da wo ich herkomme, ist Weihnachten zwar immer wichtig gewesen. Aber als ich alt genug war, zog ich es vor, mich über die Feiertage irgendwo ins Ausland zu verdrücken, anstatt alle Jahre wieder Weihnachtsrituale in einer Ausführlichkeit und aufgezwungenen Gemütlichkeit durchzuleiern, die am Ende doch immer wieder zu einer ausgeprägten Ungemütlichkeit und nicht selten zu klischeehaften Dramen führte. Weihnachtsmärkte besuchte ich nur, um mich mit Freunden am Glühweinstand zu treffen – und auch das eigentlich nur ungern. Trinken in gut geheizten Räumen und auf bequemen Stühlen oder Sesseln ist mir lieber. Auch Gott und seinen Sohn halte ich allenfalls für Kulturgut.

Weihnachten ist Gruppenzwang

Spätestens aber als Johanna in den Kindergarten kam, waren wir einem unfassbaren Gruppenzwang ausgeliefert: Keinen Adventskalender? Kein Weihnachtsmarktbesuch mit Karussellfahren und gebrannten Mandeln? Kein Weihnachtsliedersingen? Kein Adventskranz, kein Weihnachtsbaum!? Unmöglich! Wo es doch alle so machen.

Also feilen wir seit mehreren Jahren an einer ausgeklügelten Chorgeografie, die spätestens mit dem ersten Advent beginnt. Allein schon die Antworten auf die tausend Kinderfragen – feiert man dieses Fest nicht aus voller christlicher Überzeugung – ist ein Akt höherer Philosophie und müssen perfekt durchdacht sein: Wer ist der Weihnachtsmann? Und was ist mit dem Christkind? Warum kommt denn auch der Nikolaus? Und wie kommt der zu uns auf den Balkon im dritten Stock, um dort den Stiefel zu füllen? Warum haben wir denn einen Adventskranz? Warum bekomme ich denn Geschenke? Und von wem überhaupt? Warum sind auf den Bildern immer Engel und wo wohnen die?

Keine Fehler erlaubt

Mario Spam

Plätzchen backen gehört für Kinder in der Weihnachtszeit dazu. Auch wenn die Küche anschließend im Chaos versinkt. Foto: flickr/methos04

Da darf kein Fehler unterlaufen. Schon gar nicht so einer wie der vor ein paar Tagen. Am ersten Adventssonntag hatte ich Johanna heimlich ein Buch auf ihr Kopfkissen gelegt. „Das hat das Adventsengelchen gebracht“, behauptete ich. „Aber Mama“, kam es zurück, „das ist doch das Buch, das dir deine Freundin [vor zwei Jahren!] ausgeliehen hat und das du nicht mehr wiedergefunden hast und du ihr deshalb ein neu gekauftes zurückgegeben hast.“ Irgendwie habe ich da noch so gerade eben die Kurve gekriegt. Noch ist der Glaube an die Adventsengelchen da. Doch auch dem Nikolaus ging es schon einmal fast an den Kragen, als sich Johanna vor einiger Zeit auf einem Flohmarkt ein Puzzle aussuchte, das ich „dem Nikolaus weitergeben“ wollte und das sie dann leider wenig später unten in meinem Kleiderschrank entdeckte.

Angesichts solcher Herausforderungen sind die undurchdachten Geschenkefluten der Verwandschaft, die umgekehrte Geschenkepflicht („Wollen wir der Oma nicht noch ein Bild malen?“), der Bastelzwang im Kindergarten („Liebe Eltern, am Montag, Mittwoch und Donnerstag treffen wir uns in gemütlicher Atmosphäre zum Basteln für den weihnachtlichen Basar.“) das kleinere Problem. Aber wir üben weiter und spätestens, wenn Johannas fünf Monate alter Bruder Noam im richtigen Alter ist, wird die Chorgeografie bestimmt sitzen.

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