Kommentar: Wikileaks – gefährlich löchrig

Seit April dieses Jahres sorgt die Internet-Plattform Wikileaks mit der Veröffentlichung teils schockierender Dokumente aus Politik und Wirtschaft für Aufsehen. Ihre Macher sehen sich als Kämpfer für Informationsfreiheit – und müssen aufpassen, dass sie dabei nicht zu weit gehen. Ein Kommentar von Lucas Gunkel.

Wikileaks ist derzeit nicht verfügbar. Trotzdem ist die Seite derzeit in aller Munde. Foto: Gerd Altmann/pixelio.de

Wikileaks ist derzeit nicht verfügbar. Trotzdem ist die Seite in aller Munde. Foto: Gerd Altmann/pixelio.de

Gemäß Artikel 5 Abs. 1 im Grundgesetz hat jeder Mensch das Recht, „sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten“. Um diese Informationsfreiheit zu gewährleisten, hat der Journalismus eine „Wachhundfunktion“ gegenüber der Politik. Die Website „Wikileaks“ pocht auf genau dieses Recht, um auf unethisches Verhalten in Regierungen und Unternehmen aufmerksam zu machen.

Nur dank der selbsternannten „Freiheitsaktivisten“ tauchten im Frühjahr Videos des amerikanischen Militärs aus dem Irak auf. Sie zeigten amerikanische Soldaten, die offenbar bewusst auf Zivilisten schossen. Der internationnale Druck auf Amerika nahm zu. Als Folge geriet Friedensnobelpreisträger und US-Präsident Barack Obama in Erklärungsnot.

Löchriger US-Außendienst

Die „Leaks“ in Wikileaks sind also Informationslöcher, die der Gründer der Seite, Julian Assange, und seine Mitstreiter mithilfe von anonym veröffentlichten Geheimdokumenten schließen wollen. Zuletzt waren es geheime Depeschen aus dem US-Außendienst, die unter anderem Einschätzungen über deutsche Politiker enthielten. Für einen funktionierenden Diskurs ist das Aufdecken von Missständen in einer globalen Öffentlichkeit unbedingt notwendig.
Assange wird dementsprechend derzeit auch nicht wegen Geheimnisverrats per internationalem Haftbefehl gesucht. Zur Fahndung ist er wegen mutmaßlicher Vergewaltigung ausgeschrieben.
In seinem Bestreben, undichte Stellen zu stopfen, sollte er dennoch vorsichtig sein, nicht noch weitere aufzureißen. Das zeigt sich besonders an den Depechen der US-Diplomatie. In politikverdrossenen Zeiten mag es leicht fallen, über Teflon-Merkel und ihren Phrasen-Vize Westerwelle zu schmunzeln. Dessen Aussagen hätten „keinen Inhalt“, zitiert der Spiegel aus den Papieren. Doch gleichzeitig durchkreuzen solche Informationen aus diplomatischer Hand jeden Versuch internationaler Annäherung.
Würde uns nicht das Lächeln im Gesicht gefrieren, wenn trotz der latenten Terrorgefahr in Deutschland geheime Sicherheitspläne offenbart würden?

Unter der Lupe des Gesetzes betrachtet, ist der fall klar - aber ist das Vorgehen von Wikileaks auch sonst vertretbar? Foto: Thorben Wengert/pixelio.de

Unter der Lupe des Gesetzes betrachtet, ist der Fall klar - aber ist das Vorgehen von Wikileaks auch sonst vertretbar? Foto: Thorben Wengert/pixelio.de

Dazu kommt, dass Wikileaks dabei ist, sein eigenes Grab zu schaufeln. Die US-Regierung hat bereits angekündigt, in Zukunft die Informationssperren zu verstärken.
Beim Veröffentlichen intimer Details kommt es eben darauf an, den Kampf für Informationsfreiheit nicht zu bloßem Aktivismus verkommen zu lassen. Sonst kann auf die neugewonnene Freiheit ganz schnell Gefängnis folgen – Assange hat übrigens verkündet, als Nächstes den Bankensektor bloßzustellen.