Duell am Donnerstag:
Beipackzettel lesen oder nicht?

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„Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage“ – oder lieber nicht? Während Lia Rodehorst vor Nebenwirkungen und Risiken gewarnt sein will, um gesund zu bleiben, wird Anne Palka schon beim Lesen noch kränker, als sie sowieso schon ist.

„Lesen schützt“,

findet Lia Rodehorst.

Es braucht Mut, Packungsbeilagen zu lesen. Wer liest schon gerne, dass Schlafstörungen “häufig” vorkommen oder andere Menschen nach der Einnahme von Medikamenten “sehr häufig” zugenommen haben? Oder noch besser: dass die bunten Pillen “selten” Leberversagen auslösen und Patienten deswegen sterben? Manchmal ist es wohl besser, die meterlangen Papierschlangen in Gegenwart von Bezugspersonen oder dem Teddybären aus Kindheitstagen aufzufalten und zu lesen.  

Kann ich das auch frühstücken?

Aber lesen muss sein. Denn wer von uns schluckt nicht dauernd irgendetwas? Biotin für schönere Nägel, Eisen und B12 zur Leistungssteigerung und Antibiotika gegen Schnupfen. Wie viel davon sinnvoll ist, ist eine Sache. Eine andere ist, in welche Gefahr wir uns bringen, wenn wir die Packungsbeilagen nicht lesen. Bei rezeptfreien Medikamenten mag das häufig nicht gefährlich sein, aber zumindest ärgerlich. Denn wer zum Beispiel seine Eisentabletten morgens zum Kaffee einnimmt, kann sie auch gleich weglassen.

Ich kenne meine Krankheitsgeschichte besser als mein Arzt

Schwieriger wird es, wenn Ärzte, die ihre Patienten eigentlich genau kennen sollten, Medikamente verschreiben. Denn Ärzte sind auch nur Menschen und Allergien und Intoleranzen verschwinden gerne aus dem Blickfeld. Ich habe schon Medikamente verordnet bekommen, bei denen ich in den “Warnhinweisen” jede Menge Dinge gefunden habe, die auf mich zutreffen. Dann in der Praxis anzurufen und nachzufragen ist einfach (mein Arzt hatte etwas übersehen). Nach der Einnahme anzurufen kann schon zu spät sein.

Erst lesen, dann Bier trinken

Lesen schützt auch vor Dummheiten: Wer wegen der Einnahme von Medikamenten keine Fahrzeuge oder Maschinen führen sollte und es trotzdem tut, riskiert mehr als nur das eigene Leben. Und wer beim Bierchen trinken nicht weiß, dass Alkohol und die lustigen, bunten Pillen dieselben Enzyme brauchen, um aus dem Körper zu gelangen, hat schneller einen gefährlichen Rausch als er “Packungsbeilage” sagen kann. Natürlich sind bei Weitem nicht alle Nebenwirkungen dramatisch. Aber wer nicht aufpasst und zum Beispiel Tabletten auf leeren Magen nimmt, die schädlich für die Schleimhaut sind, weiß, dass auch “ungefährliche” Nebenwirkungen ein Wochenende ruinieren können. Außerdem ist es wichtig, mögliche Nebenwirkungen im Blick zu haben. Es ist doch blöd, wenn einem auch nach Monaten depressiver Verstimmung und Müdigkeit der Zusammenhang zur neuen Pille nicht auffällt.

„Beipackzettel machen krank“,

sagt Anne Palka. 

Rückblende in eine Zeit, in der ich noch Beipackzettel gelesen habe: Ich komme von der Apotheke nach Hause, meine Nase läuft, mein Hals kratzt, mein Kopf hämmert, meine Beine fühlen sich an wie nach einem Marathon. Und überhaupt fühle ich mich hundeelend. Mit einer Familienpackung Taschentüchern, einer dicken Decke und dem Beipackzettel mache ich es mir auf dem Sofa gemütlich. Ich entfalte den Wisch und stelle dabei fest, dass ich ihn wohl nie wieder zusammengefaltet bekomme. Nach dem Lesen schmeiße ich mir die erste Tablette ein. Eine halbe Stunde später wird mir kotzübel. Noch eine halbe Stunde später bekomme ich Herzrasen, und im Laufe des Tages folgen Migräne, Kopfschmerzen und Schweißausbrüche. Aber der Beipackzettel hatte mich ja vorgewarnt – Dank ihm weiß ich, dass ich mit meinen Symptomen der Nebenwirkungen in bester Gesellschaft bin. Angeblich kann mich das Medikament sogar umbringen, wenn ich Pech habe. Dabei habe ich doch eigentlich nur einen Schnupfen!

Hallo Nocebo-Effekt!

Ich bekomme Nebenwirkungen, nur weil ich weiß, dass ich sie bekommen könnte. Eine ernst zu nehmende psychische Störung? Nein, nur der sogenannte Nocebo-Effekt, quasi der böse kleine Bruder des bekannten Placebo-Effekts. Aber mir sollen Medikamente bitte helfen und nicht schaden. Es gibt Studien, die zeigen, dass rund ein Drittel der verordneten Medikamente nicht im Magen, sondern im Mülleimer der Patienten landet. Ein Grund: Der Beipackzettel macht Angst. Das kann bei wichtigen Therapien richtig gefährlich werden. Da ist es für mich die bessere Alternative, die helfenden Medikamente zu nehmen, aber den Beipackzettel nicht zu lesen.

Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker

Und was, wenn mal etwas passiert? Wenn ich das Gefühl habe Nebenwirkungen zu bekommen, liegt der Beipackzettel ja noch ordentlich gefaltet in seiner Packung und wartet darauf, gelesen zu werden. Außerdem bin ich alles andere als eine Risikopatientin, insbesondere wenn es um Erkältungsmittelchen geht. Ich vertraue meinem Arzt, der mich persönlich kennt und untersucht hat. Er kann mögliche Gefahren für mich wohl besser einschätzen als ein Beipackzettel, der auch für schwangere und alte Menschen und Kinder gedacht ist. Und er würde mich darauf hinweisen. „Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage“? Nein, danke. Da frage ich lieber meinen Arzt oder Apotheker.

das-duell-feederFoto: stockxchng/bizior, S. Hofschlaeger/pixelio.de, Montage: Brinkmann/Schweigmann 
Teaserfoto: Anne Palka