Reißt die Hütte ab

Deutschland, Land des Fußballs: Vor allem an den Wochenenden besuchen zig Tausende Fußballfans die deutschen Stadien und feuern ihre Lieblingsmannschaften an. Dass dabei hohe Belastungen für die Tribünen entstehen – daran denkt erstmal keiner. Dr. Michael Kasperski arbeitet an der Fakultät für Bau- und Umweltingenieurwissenschaften an der Uni Bochum und untersucht die zugehörigen statischen und dynamischen Belastungen bereits seit 1992 mit seinem Forscherteam. Der pflichtlektüre hat er erklärt, dass hüpfen gelernt sein will und auf manchen Tribünen sogar gefährlich sein kann.

Hauptsächlich Privatdozent mit Forschungsschwerpunkt Entwurfsgrundlagen im konstruktiven Ingenieurbau, nebensächlich kritischer Stadionforscher: Dr. Michael Kasperski von der Uni Bochum. Foto: Michael Kasperski.

Hauptsächlich Privatdozent für Entwurfsgrundlagen im konstruktiven Ingenieurbau, nebensächlich kritischer Stadionforscher: Dr. Michael Kasperski von der Uni Bochum. Foto: Michael Kasperski

Ein großer Fußballfan sei er nicht, gesteht Michael Kasperski. Warum er trotzdem ausgerechnet Fußballstadien untersucht, erklärt er so: „Meine erste Berührung mit dieser Problematik hatte ich mit dem Stadion in Nürnberg. Mein damaliger Chef wurde gefragt, ob er die Tribünentragteile dieses Stadions untersuchen kann. Eigentlich sollte ich dann in einem Feldversuch nachweisen, dass es dort kein Schwingungsproblem gibt. Aber unsere Versuche haben zum Schrecken aller Beteiligten ein echtes Tragfähigkeitsproblem und eine Lücke in der Norm entlarvt.“

Mittlerweile untersucht Kasperski selbst seit Jahren diverse deutsche Stadien. Gerade in der Anfangsphase hat ihn dabei sein fachfremder Kollege Professor August Neumaier untersützt, Sportwissenschaftler an der RUB. Allerdings weniger wegen der Thematik Fußball, sondern aus praktischen Gründen: „Professor Neumaier hat uns seine mehrere Zehntausend Euro wertvolle Kraftmessplatte, mit der die Sportler der Uni Bochum normalerweise ihre Sprungkraft beim Hochsprung messen, großzügig ausgeliehen.“

Profi- und Durchschnittshüpfer

Mithilfe der teuren Kraftmessplatte und zahlreichen Studenten hat Michael Kasperski Zeitreihen aufgezeichnet, die die Lasten beschreiben, während eine Person rhythmisch hüpft. Die Kraftmessplatte vermißt die zeitlich veränderlichen Lasten während des Hüpfens mit 2000 Werten pro Sekunde. Selbst die kleinsten Auffäligkeiten im Bewegungsblauf werden so sichtbar. Erste Ergebnisse haben gezeigt, dass es drei verschiedene Hüpftypen gibt: Den Profihüpfer, der ein gutes Rhythmusgefühl hat, den Durchschnittsüpfer, der zwar nicht schlecht hüpft, den Rhythmus aber nicht exakt trifft und als Schlusslicht den Hüpfer, der im Gegensatz zu seinen Nachbarn ständig zu schnell oder zu langsam hüpft.  Welcher Hüpftyp man selbst ist, kann man laut Kasperski ganz einfach selbst herausfinden: „Wenn man selbst in der Luft ist, während die anderen gerade mit den Füßen den Boden berühren, macht man offensichtlich etwas falsch.“ Wirklich aktive Fußballfans würden das Hüpfen im Rhythmus aber auch oft im Stadion üben, erklärt er außerdem.

Dortmund schmückt sich, Schalke drückt sich

Unscheinbar aber oho: Mit dieser mehrere Zehntausend Euro teuren Kraftmessplatte untersucht Michael Kasperski die Tribünen. Foto: Michael Kasperski.

Unscheinbar, aber oho: Mit dieser mehrere Zehntausend Euro teuren Kraftmessplatte untersucht Michael Kasperski die Tribünen. Foto: Michael Kasperski

Michael Kasperski und sein Forscherteam haben sich schon einige Stadien im Ruhrgebiet angeschaut. Beim VfL Bochum seien allerdings eine Art Klebestreifen unter die Tribünentragteile gemacht worden, um so die Dämpfung zu erhöhen. Weil die Tribünen des Bochumer Stadion dadurch zu wenig schwingen, scheidet das Stadion für die Untersuchungen der Stadionforscher aus, denn die untersuchen lieber sehr schwingfreudige Tragwerke.

Auf Schalke durfte Kasperski vor Jahren noch das alte Parkstadion untersuchen, das damals zum Beispiel Schlagersänger Wolfgang Petry wortwörtlich zum Beben brachte. Messungen in der neuen Schalke-Arena konnte er aber bisher nicht verwirklichen. Die Dortmunder hingegen ließen Untersuchungen im heimischen Stadion durchführen und Kasperski erzählt: „Mir hat ein Verantwortlicher des BVB gesagt, dass in der letzten Saison zu dem Lied „Im Wagen vor mir fährt ein junges Mädchen“ die Fans bei den Spielen des BVB auf der Südtribüne gehüpft sind. Am Anfang der Saison klappte das wohl noch nicht so rhythmisch, hinterher seien die Fans aber einheitlich wie ein Mann zu dem Lied gehüpft.“

Im schlimmsten Fall: Einsturzgefahr

Dass Kasperskis Untersuchungen nicht bloß Spielverderberei sind, zeigt der Vorfall im Nürnberger Stadion 2005. Damals sind durch die starken Schwingungen auf der Tribüne Betonteile auf die Leute im Unterrang herabgeregnet. „Bereits eine kleine Gruppe, sie sich beim Hüpfen sehr gut koordiniert, kann große statische Lasten erzeugen“, warnt Ingenieur Kasperski. „Infolge falscher Bauweise kann es zu großen Rissen, Abplatzung von Betonteilen und im schlimmsten Fall sogar zum Tragwerksversagen kommen, was den kompletten Einsturz der Tribüne bedeuten würde.“ Durch das Hüpfen kann die Tribüne regelrecht ins Schwingen geraten. Damit rechnet keiner und deshalb erschrecken sich viele Besucher. „Die Leute überschätzen diese Schwingamplituden ganz dramatisch und berichten dann häufig, dass sich die Tribüne einen halben Meter bewegt habe. Das hätte aber schon längst zu einem Einsturz führen müssen und ist dementsprechend übertrieben“, erklärt Michael Kasperski. Aber genau darin steckt die große Gefahr einer Massenpanik. „Man hat das Gefühl, einem wird der Boden unter den Füßen weggezogen, dadurch erschreckt man und die Angst ist sozusagen ansteckend.“

Weiße und schwarze Schafe

Egal, ob Sitz- oder Stehplatz, bei guter Stimmung gibt es bei den Fans kein halten mehr - so wie hier beim Public Viewing auf Schalke bei der WM 2010. Foto: Maren Bednarczyk.

Egal, ob Sitz- oder Stehtribüne: Ist die Stimmung gut, beben die Ränge. So wie z.B. hier beim Public Viewing auf Schalke bei der WM 2010. Foto/Teaserfoto: Maren Bednarczyk

Auf die Frage, ob die Studenten der Ruhr-Unis denn Bedenken oder gar Angst haben müssen, wenn sie ihre Lieblingsmannschaft kräftig im Stadion unterstützen, antwortet Kasperski zurückhaltend: „Ich will jetzt eigentlich kein Stadion in die Pfanne hauen. Es gibt, wie überall, immer weiße und schwarze Schafe, also Betreiber, die die Sicherheit ihrer Besucher sehr Ernst nehmen, aber auch solche, die nicht so viel unternehmen und eher darauf warten, bis sie von der Wirklichkeit überrascht werden.“ Vor allem die Verantwortlichen des BVB haben wohl dafür gesorgt, dass Bereiche des Stadions unterstützt wurden, um dynamische Probleme so gering wie möglich zu halten.

Alleine die Tatsache, dass es noch Probleme und Verbesserungsbedarf gibt, hat Michael Kasperski so beunruhigt, dass er sich 2005 sogar an alle Innenminister gewandt hat: „Ein halbes Jahr vor der Weltmeisterschaft habe ich die Damen und Herren gefragt, ob es nicht sein könnte, dass auch andere WM-Stadien ähnliche Probleme wie Nürnberg aufweisen. Ich bekam lange keine Antwort, bis dann ein Sammelschreiben kam, von allen unterschrieben mit der Aussage, dass ich mir keine Sorgen machen müsste, weil in der Regel Schwingungsuntersuchungen durchgeführt werden und demnach alle Stadien ordnungsgemäß geplant und überprüft wurden.“ Richtig beruhigt hat den Stadionforscher diese Aussage damals aber nicht. Umso besser, dass, trotz seiner Bedenken, die Fußball-WM 2006 sicher und reibungslos ablief.

Der 12. Mann darf trotzdem nicht fehlen

Michael Kasperski behauptet zwar nicht, dass alle deutschen Stadien unsicher sind, aber sie seien auch nicht einheitlich sicher: „Richtig schlimm finde ich es, wenn man mit eben diesen nicht einheitlich sicheren Stadien in der Welt wirbt und deren Konzepte anderen Ländern, zum Beispiel den Gastgebern der Europameisterschaft 2012, als tragfähig verkauft.“ Trotz aller Warnungen und zum Teil beunruhigender Ergebnisse will Michael Kasperski den Fans das Hüpfen nicht verbieten, im Gegenteil: „Ich finde es unheimlich wichtig, dass die Fans versuchen, den 12. Mann zur Verfügung zu stellen und ihre Fußballhelden dadurch unterstützen. Aber genau deswegen ist es einfach nicht in Ordnung, wenn diese Art von Unterstützung in den baulichen Anforderungen nicht abgedeckt ist.“

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