40 Tage ohne Lügen – Buchautor Jürgen Schmieder hat es versucht

Du sollst nicht lügen – Dieses biblische Gebot wird im Alltag kaum beachtet. Der Journalist und Buchautor Jürgen Schmieder stellte sich dieser Herausforderung. In einem Selbstversuch hat er 40 Tage lang nichts als die Wahrheit gesagt. pflichtlektüre sprach mit ihm über geprellte Rippen, verlorene Freunde und die Einsicht, dass kein Mensch immer ehrlich ist.

Hat 40 Tage lang nur die Wahrheit gesagt: Jürgen Schmieder (Foto: C. Bertelsmann)

Hat 40 Tage lang nur die Wahrheit gesagt: Jürgen Schmieder (Foto: C. Bertelsmann)

pflichtlektüre: Herr Schmieder, Sie haben sich dazu entschieden, 40 Tage lang nicht zu lügen. Warum? Gab es einen bestimmten Auslöser dafür?

Jürgen Schmieder: Der Auslöser war die Fastenzeit. Ich wollte auf Dinge verzichten, die nicht so langweilig sind wie Alkohol, Zigaretten und Schokolade. Und da ich in den Wochen davor ein paar schlechte Erfahrungen gemacht habe, weil mich Menschen angelogen haben, hatte ich mir zum Ziel gesetzt, selber einmal nicht mehr zu lügen.

pflichtlektüre: Und ist Ihnen das leicht gefallen oder wollten Sie nach ein paar Tagen schon aufgeben?

Schmieder: Ich wollte nach drei oder vier Tagen schon aufgeben. Am dritten Tag hat mich meine Frau auf die Couch verbannt und am vierten Tag musste ich meinem besten Freund gestehen, dass ich ihn verraten habe. Seine Freundin hat mich gefragt, was in ihrer Beziehung nicht stimmt und ich musste ehrlich antworten: Na ja, was nicht stimmt, ist, dass er mit anderen Frauen schläft. Dabei war dieses Gespräch nicht so schlimm wie das Gespräch, das ich nachher mit meinem besten Freund führen musste. Als er mich so ganz enttäuscht angesehen und mir dann einen Magenschwinger gegeben hat, das war der schlimmste Moment.

pflichtlektüre: Sind Sie inzwischen wieder gute Freunde?

Schmieder: Ja, wieder. Ich habe am Anfang schon gemerkt, dass er sich distanzierte, mir viele Dinge nicht mehr erzählt und sich selten mit mir getroffen hat. Doch dann haben wir uns ausgesprochen. Er hat zwar gesagt, dass es besser gewesen wäre, wenn er es ihr selbst gesagt hätte, aber er hat auch eingesehen, dass es wahrscheinlich eh raus gekommen wäre.

pflichtlektüre: Wahrheiten können also oft auch verletzend oder beleidigend sein. Wie sind Sie damit umgegangen?

Schmieder: Ganz am Anfang habe ich mir keine Gedanken gemacht. Ich habe einfach die Wahrheit gesagt, ob es jemand hören wollte oder nicht. Aber wenn die Leute dann beleidigt sind, weil man ihnen die Wahrheit ins Gesicht gesagt hat, dann denkt man abends schon drüber nach. Da kommt das schlechte Gewissen.

pflichtlektüre: Und wie konnten Sie Ihr Experiment mit Ihrem Beruf als Journalist vereinbaren?

Schmieder: Das war ziemlich hart. Nach ein paar Tagen bin ich zum Beispiel aus einer Redaktionskonferenz geflogen. Oder nach einem Fußballspiel wollte ich Mark van Bommel (Anmerkung der Redaktion: Kapitän des FC Bayern München) sagen, dass er schlecht gespielt hat. Das war im Weserstadion und Bayern hat gerade 0-0 gegen Bremen gespielt, obwohl sie hätten gewinnen müssen. Ich hatte damit gerechnet, dass mich van Bommel verprügelt. Aber er hat ganz cool reagiert und ist einfach weitergegangen. Das Interview war dann natürlich vorbei.

Seine Erfahrungen hat Schmieder in dem Buch "Du sollst nicht lügen" niedergeschrieben. (Foto: C. Bertelsmann)

Seine Erfahrungen hat Schmieder in dem Buch "Du sollst nicht lügen" niedergeschrieben. (Foto: C. Bertelsmann)

pflichtlektüre: Können Sie Lügner durch Ihre eigenen Erfahrungen jetzt besser entlarven?

Schmieder: Ich habe schon so eine Art Radar für Lügner entwickelt. Was vor allem daran liegt, dass ich selbst gemerkt habe, in welchen Situationen ich nervös wurde oder wo ich gelogen und wie ich das getan habe. Deshalb merke ich jetzt schon, wenn mir Leute mit einem falschen Lächeln im Gesicht entgegen treten oder wenn sie Dinge sagen, von denen ich weiß, dass sie nicht stimmen können. Da bin ich schon sensibler geworden.

pflichtlektüre: Bringt Ihnen das auch Vorteile?

Schmieder: Beim Pokern auf jeden Fall. Aber auch im täglichen Leben. Bei Kollegen, wenn man Leute kennen lernt, auch am Telefon. Man merkt, ob es jemand ehrlich meint oder nicht. Und ich glaube, das ist schon eine Fähigkeit, die einem im Endeffekt weiterbringt.

pflichtlektüre: Und lügen Sie jetzt, nach dem Experiment, wieder?

Schmieder: Ich bin ehrlicher als vorher, aber ich lüge auch wieder. Von den 200 Lügen, die die Wissenschaft so vorrechnet, verwende ich noch 150 – was noch schlimm genug ist. Ich würde mir schon wünschen, dass die Menschen ehrlicher zueinander sind. Vielleicht nicht so radikal wie ich in den 40 Tagen. Es soll ja nicht jeder auf der Couch schlafen. Aber ich glaube, so ein bisschen ehrlicher könnte so jeder Mensch sein.

pflichtlektüre: Und würden Sie Ihr Experiment wiederholen wollen?

Schmieder: Wiederholen nicht unbedingt. Ich glaube, eine eingedellte Rippe und ein paar Nächte auf der Couch reichen. Aber ich würde gerne ein anderes Projekt machen. Fast jeden Tag kommt jemand zu mir, der mir vorschlägt, was ich noch machen könnte. Die Leute sind neugierig und seit dem Buch bin ich ein bisschen das Versuchskaninchen geworden. Ich habe mich noch nicht entschieden, aber es wird auf jeden Fall krasser werden als das Nichtlügen.