Arbeiten mit dem Tod

Bestatten Sie?

Text und Fotos: Michelle Goddemeier

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Mirjam Harhues macht eine kaufmännische Ausbildung beim Bestatter. Neben den üblichen Bürotätigkeiten bedeutet das für sie auch die Arbeit an Leichen. Uns erzählt sie, wie es ist, als junger Mensch mit dem Tod konfrontiert zu sein.

Mirjam öffnet die Glastür. Sie durchquert den marmornen Eingangsbereich, vorbei an einer Tischgruppe, einem „Carpe Diem“-Bild und setzt sich an den Schreibtisch. Die Auszubildende hört den Anrufbeantworter ab. Gab es einen neuen Todesfall? Um diesen kümmern sich die Bestatterinnen und Bestatter als erstes. Das heißt, sie kontaktieren die Angehörigen und holen den verstorbenen Menschen ab. Heute gab es einen solchen Anruf noch nicht.

Für Mirjam bedeutet das: Urkunden beim Standesamt abholen, Danksagungen schreiben und Zeitungsanzeigen vorbereiten. Doch die 22-Jährige, die ihre Ausbildung zur Bürokauffrau bei dem Bestattungsunternehmen Stokkelaar in Münster macht, ist nicht nur für Telefonate und Büroarbeiten zuständig.

Wenn ihre Kollegen und Kolleginnen Verstorbene aus dem Krankenhaus oder Altenheim abholen und in die Leichenhalle bringen, hilft sie ebenfalls mit – zumindest, sofern sie kann.

 

Obwohl Mirjam eine kaufmännische Ausbildung macht, gehört es auch zu ihren Aufgaben, die Leichen zu versorgen. Dass sie Leichen sieht und an ihnen arbeitet, stört Mirjam nicht. So gibt sie den Verstorbenen Mittel, damit sie langsamer verwesen. Haben die Verwandten den Wunsch, den Toten persönlich zu verabschieden, richten Mirjam und ihre Kollegen den Leichnam her: Sie waschen, rasieren und schminken ihn, zusätzlich kleiden sie ihn an. Auch auf individuelle Wünsche gehen sie ein, sei es der Lieblingslippenstift der Mutter oder die Halskette der verstorbenen Frau. Die Menschen sollen nicht anders aussehen als zu Lebzeiten. „Wir versuchen sie so natürlich wie möglich zu lassen.“

Mirjam und ihre Kollegen kümmern sich um die komplette Beerdigung, rufen die Mitarbeiter des Friedhofs an, telefonieren mit dem Pfarrer oder der Pfarrerin und sprechen die Messezeiten ab. Außerdem müssen sie die Kapelle oder Kirche reservieren. Am Tag der Beerdigung treffen sie meist eine Stunde vor Beginn der Zeremonie auf dem Friedhof ein, stellen den Sarg oder die Urne auf, zünden Kerzen an und dekorieren die Kapelle oder Kirche mit Blumen.

„Meine Freunde wussten, dass ich merkwürdige Wünsche habe.“

Schon früh war Mirjams Freunden und ihrer Familie bewusst, dass sie „merkwürdige Wünsche und Interessen hat“. In der neunten Klasse machte sie bereits ein zweiwöchiges Schülerpraktikum bei einem Bestatter. Der Beruf gefiel ihr. Das Gefühl, Menschen in einer Krisenzeit zu unterstützen, weckte ihr Interesse. Trotzdem wählte sie erst einmal einen anderen Weg. Drei Semester studierte sie Katholische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Bis sie merkte, dass ihr das Studieren nicht liegt.

Nachdem ihre Großmutter verstorben war, interessierte Mirjam sich immer mehr für den Tod und die Arbeit von Bestattern. Daher war es für sie ein logischer Schritt, ihre Ausbildung dort zu machen. „Komische Fragen stellen nur die Leute, die mich nicht kennen“, sagt Mirjam.

 

Im Oktober vergangenen Jahres fing sie ihre Ausbildung bei Stokkelaar an. Ursprünglich wollte sie sich zur Bestattungsfachkraft ausbilden lassen, doch die Schule dafür liegt in Wermelskirchen. Deshalb beriet sie sich mit ihrem Chef und beschloss, eine kaufmännische Ausbildung zu machen, um in Münster zur Schule gehen zu können.

„Ich würde dort vieles lernen, was ich hier in Münster nicht brauche“, sagt sie über die Ausbildung zur Bestattungsfachkraft. Etwa wie man mit einem Bagger ein Grab aushebt. Dafür sind in Münster die Friedhofsgärtner zuständig. Jetzt lernt sie in der Berufsschule die Dinge, die für eine Bürokauffrau wichtig sind: Steuerung, Kontrolle, Buchführung. Das Wissen, das sie in einem Bestattungsunternehmen benötigt, verfestigt sie im Arbeitsalltag.

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Hier können die Angehörigen Abschied nehmen.

„Ich gehe schon anders damit um, als andere in meinem Alter.“

Ein Lieferant kommt vorbei und bringt neue Kataloge mit Sargmodellen. „Oh guck mal, der ist ja schön“, sagt Mirjam zu ihren Kollegen. Sie durchblättert den Katalog, als wäre es das neuste Fashion-Magazin. Särge und Urnen anzuschauen und sich eine Meinung darüber zu bilden, welche schön sind: Das gehört für sie dazu.

Vor dem Tod hat Mirjam keine Angst: „Ich gehe schon anders damit um, als andere in meinem Alter.“ Da sie genau weiß, was mit einer Leiche passiert, sieht sie dem entspannt entgegen. Über ihre eigene Beerdigung hat die 22-Jährige sich aber noch keine Gedanken gemacht. „Später wird es schon wieder ganz andere Möglichkeiten geben, jemanden zu bestatten“, sagt sie. Vielleicht sei der typische Sarg dann längst überholt. „Aber so ab 60 kann man schon mal über die Beerdigung nachdenken.“

Langfristige Planung hat allerdings seine Vorzüge: Es ist möglich fast die ganze Beerdigung im Voraus beim Bestattungsunternehmen zu organisieren und Geld dafür zu hinterlegen. Zum Beispiel kann sich jeder zu Lebzeiten den eigenen Sarg oder die Musik für die Trauerfeier aussuchen. So manch ein Sarg steht mittlerweile seit über 20 Jahren beim Bestatter, weil die Menschen doch länger leben, als sie selbst erwartet haben.

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Ein Blick in die Trauerhalle des Bestattungsunternehmens.

 „Gerade Verstorbene in meinem Alter beschäftigen mich.“

Hart ist es für Mirjam, wenn sie mit den Eltern von jungen, verstorbenen Menschen in Kontakt kommt. Dann denkt sie noch mehr über das Schicksal nach und beschäftigt sich auch nach der Arbeit damit. Gespräche mit den Freunden und der Familie helfen ihr dann.

Der Beruf des Bestatters ist für Mirjam ein Traumjob. Vor allem wegen des Kontakts mit den Angehörigen: „Man hört so viel Lob und Dank.“ Die Hinterbliebenen  seien erleichtert, dass sie sich würdevoll von dem Verstorbenen verabschieden konnten. Deshalb ist Mirjam sich sicher, dass sie auch nach ihrer Ausbildung bei einem Bestattungsunternehmen arbeiten möchte. Dass sie Leichen sieht und an ihnen arbeitet, stört Mirjam nicht.

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