Arbeiten mit dem Tod

Traumjob Tod?

Text und Fotos: Thorben Lippert

Denise Weyers arbeitet im Hospiz. Obwohl sie erst 30 ist, hat sie schon viele Menschen sterben sehen. Der Alltag ist für sie belastend, eine andere Arbeitsstelle wünscht sie sich aber nicht. Denn hier hat sie Zeit für Menschen, die sie brauchen.

Im dunklen Treppenhaus der Villa in Bochum-Mitte steht in einer Nische eine brennende Kerze, daneben eine kleine Marienikone. Die Kerze brennt immer dann, wenn im Haus jemand gestorben ist. Und das passiert häufig. Denn die Menschen, die im St. Hildegard Hospiz wohnen, kommen mit dem Wissen, nicht mehr lange zu leben. Gerade mit diesen Menschen arbeitet Denise Weyers.

Die 30-jährige Denise Weyers hat im Hospiz ihren Traumjob gefunden.

Die 30-jährige Denise Weyers hat im Hospiz ihren Traumjob gefunden.

Die gelernte Gesundheits- und Krankenpflegerin begleitet die Menschen auf dem, was oft als „der letzte Weg“ bezeichnet wird. Wenn die Kerze im Treppenhaus brennt, ist die Stimmung bei Weyers gedrückt. Diese Momente sind die härtesten Phasen während ihrer Arbeit. „Es kommt vor allem darauf an, was man für eine Beziehung zu dem- oder derjenigen aufgebaut hat“, sagt Weyers. Nicht alle Pfleger und Pflegerinnen haben ein enges Verhältnis zu jedem der Hospiz-Bewohner. Auch Weyers versteht sich mit einigen sehr gut, zu anderen Bewohnern baut sie dafür keine engere Beziehung auf. Egal wie nah sie den Verstorbenen während ihrer Zeit im Hospiz stand: Der Abschied ist jedes Mal wieder belastend: „Es wäre merkwürdig, wenn es nicht so wäre. Wenn ich es einfach stumpf abtun könnte.“

Die Belastung durch ihre Arbeit versucht Weyers zu kompensieren, indem sie Privatleben und Beruf voneinander trennt: „Ich spreche natürlich nach der Arbeit über den einen oder anderen oder denke noch mal nach, aber grundsätzlich lebe ich dann mein eigenes Leben.“ Und das sollte abwechslungsreich sein. „Sozialhygiene“ nennt Weyers das. Sport zum Ausgleich hilft ihr, Gartenarbeit auch. Sowieso hat ihre Arbeit einen positiven Einfluss auf das Privatleben: „Ich sehe die Dinge viel gelassener.“ Schließlich erleben die Angestellten sehr häufig, dass das Leben endlich ist. Wie oft Weyers Bewohner des Hospizes schon hat sterben sehen, weiß sie gar nicht.

An den ersten Toten bei ihrer Arbeit kann sie sich dagegen gut erinnern. Für die meisten Menschen ist das ein prägendes Ereignis, doch Weyers verarbeitete es erstaunlich gut. Denn eine enge Bindung hatte sie zu dem Menschen – anders als jetzt im Hospiz – nicht aufgebaut. Das lag vor allem an ihrem Arbeitsumfeld. Nach ihrer Ausbildung war Weyers in einem Krankenhaus als Pflegerin angestellt. Zwar liebte sie die Arbeit mit den Menschen, doch die Strukturen im Krankenhaus gefielen ihr nicht: Pflege an einem Ort, der eher wie ein Unternehmen geführt wird. Sie erinnert sich an todkranke Patienten, die ihre Diagnose innerhalb von zwei Minuten erfuhren und danach allein in ihrem Zimmer lagen. Das war nicht ihre Welt. Sie gibt zu: „Ich konnte manche Sachen nicht mit meinem Gewissen vereinbaren. Die Ärzte wollen natürlich operieren, die wollen Leben retten.“ Die Ärzte standen im durchgetakteten System des Krankenhauses zu sehr unter Druck. Zeit für die persönliche Pflege blieb zu selten übrig und auch die Empathie für die Kranken wurde häufig Opfer des enormen Drucks. Weyers aber sehnte sich gerade nach mehr Zeit – und nahm deswegen 2015 die Stelle im Hospiz an.

Das Hospiz in Bochum liegt in einer herrschaftlichen Villa und hat ein gutes Dutzend Zimmer.

Das Hospiz in Bochum liegt in einer herrschaftlichen Villa und hat ein gutes Dutzend Zimmer.

Dass es hier anders als im Krankenhaus ist, zeigen die Pfleger schon mit kleinen Gesten. Weyers und ihre Kollegen nennen die Bewohner des Hauses „Gäste“ und nicht Patienten. Außerdem schränken sie sie so wenig wie möglich ein.

Einer der aktuell elf Menschen, die im Hospiz gepflegt werden, sitzt im Garten der herrschaftlichen Villa im Rollstuhl. Die alte Frau wird bald sterben. Mit stoischer Ruhe raucht sie eine Zigarette nach der anderen. „Wir wollen jeden so leben lassen, wie er ist“, sagt Weyers. Kein Wecken, keine festen Frühstückszeiten, einzig das tägliche Waschen ist für alle Gäste Pflicht. Der Tagesablauf ist ansonsten Sache der Bewohner. Sie entscheiden selbst, worauf sie Lust haben: Spiele, fernsehen, manchmal sogar Ausflüge. Sofern es die Krankheit noch zulässt.

Wie die Gäste ihre Tage verbringen wollen, merken die Angestellten schnell. „Wir entwickeln ein Gespür dafür. Manche Gäste freuen sich, wenn ich einfach nur bei ihnen sitze und was vorlese. Oder nur zuhöre. Und manche wollen aktive Kommunikation“, sagt Weyers. Das ist ihre wichtigste Aufgabe: das Reden. Diese Zuwendung haben die Gäste im Krankenhaus meist nicht erfahren. Und daher reagieren sie positiv auf die Aufmerksamkeit, die ihnen im Hospiz entgegen gebracht wird.

Denn einige Gäste schaffen hier das, was ihnen im Krankenhaus zuvor verwehrt war: Sie werden geheilt. Die medizinische Versorgung ist auch im Hospiz sichergestellt. Mehrere Palliativärzte kümmern sich um die Bewohner. Natürlich ist diese Behandlung nicht mit der in einem Krankenhaus zu vergleichen. Dass trotzdem mehrere Menschen pro Jahr das Hospiz wieder verlassen können, liegt laut Weyers nicht unbedingt an den Therapien. „Kleine Wunder gibt es“, sagt sie. Möglich würden das die Ruhe im Haus machen und das unbeschwerte Leben, das die Gäste hier führen können. Ebenso trägt das enge Verhältnis zwischen Angestellten und Bewohnern seinen Teil dazu bei. Die Pfleger betrachten sich als Mitbewohner, auch das Wort Familie fällt. Und das meint Weyers ernst. Sie erzählt, dass manche Bewohner des Hospizes sofort merken würden, wenn es ihr nicht so gut gehe. „Wir achten alle aufeinander“, sagt sie, „und das hat dann einen sehr familiären Rahmen.“

Und diese Familie könnte noch viel größer sein. Mehrere hundert Personen pro Jahr erkundigen sich nach einem Platz in diesem Hospiz – bei einer Kapazität von gerade einmal 15 Zimmern. Nicht nur alte Menschen werden aufgenommen. Auch Neugeborene, Jugendliche, Familienväter und -mütter sind Gäste im Hospiz. Manche sterben schon nach einigen Tagen, andere bleiben monatelang – oder können eben wieder nach Hause. Zeit ist hier relativ – Hektik oder knappe Arbeitszeiten kann man lange suchen. Im ganzen Haus herrscht immer eine entspannte Ruhe.

Und genau diese Ruhe schätzt Weyers so an der Einrichtung. Das, was sie nach ihrer Kündigung im Krankenhaus suchte, hat sie hier gefunden. „Die beste Entscheidung meines Lebens“, sagt sie nach einem Jahr im Hospiz über den Jobwechsel. Auch wenn nicht alle in ihrem Umfeld das verstehen. „Das hört sich für Außenstehende komisch an, wenn ich sage, dass ich gerne arbeiten gehe“, sagt sie. Sie weiß aber auch, wann sie mit der Arbeit abschließen muss: „Wenn ich nach dem Dienst gehe und die Tür zufällt.“

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