Schöne Blindheit

Schöne Models, schöne Kleider und ein Fotograf, der die Schönen ablichtet – eine typische Modenschau, könnte man meinen. Wäre da nicht ein winziges Detail: Außer dem Fotografen Karsten Hein, kann auf dieser Veranstaltung niemand sehen. Die Models sind blind, Zuschauer gibt es nicht. Im Interview mit pflichtlektüre erzählt Karsten Hein, was hinter dem Projekt steckt.

„Die Schönheit der Blinden“ (Karsten Hein)
„Die Schönheit der Blinden“ (Karsten Hein)
„Die Schönheit der Blinden“ (Karsten Hein)
„Die Schönheit der Blinden“ (Karsten Hein)
„Die Schönheit der Blinden“ (Karsten Hein)
„Die Schönheit der Blinden“ (Karsten Hein)
„Die Schönheit der Blinden“ (Karsten Hein)
„Die Schönheit der Blinden“ (Karsten Hein)
„Die Schönheit der Blinden“ (Karsten Hein)
„Die Schönheit der Blinden“ (Karsten Hein)

Eine Modenschau für Blinde: Wie sind Sie auf diese Idee gekommen, Karsten? Gerade Mode ist ja ein Thema, das man als erstes vielleicht nicht gerade in Verbindung mit Blindheit sieht.

Es gibt zwei Ansätze. Ich arbeite jetzt seit etwa fünf Jahren mit Blinden. Dadurch, dass die beiden blinden Frauen, mit denen ich von Anfang an Kontakt hatte, das Thema Mode extrem wichtig finden, war das in all unseren Gesprächen immer schon sehr früh präsent. Wobei wir am Anfang noch keine Vorstellung davon hatten, was wir daraus machen würden. Aber es war mir schon klar, dass – für die beiden zumindest – Schönheit und Mode wichtig sind.

Die andere Sache ist: In Blindeneinrichtungen, zum Beispiel Blindenvereinen, gibt es regelmäßig sogenannte „Modeschauen“. Da kommen fliegende Boutiquen vorbei und unterbreiten ihr Angebot den anwesenden Blinden, die sich davor scheuen, in Geschäfte zu gehen oder ganz normal einzukaufen. 

Wie sehen solche Modeschauen dann aus?

Ich selbst war auch schon bei so einer Veranstaltung dabei. Und die war ein solches Ärgernis für mich. Ich fand das so erbärmlich, so schlimm: Die Verkäuferin ist mit ihren Kleiderständern rein gerollt gekommen und meine erste Assoziation war – DRK-Kleidersack. 

Ich habe dann leise zu einer Frau neben mir gesagt: „So wie Sie angezogen sind, Sie dürfen sich zuhause mit dem Zeug da nicht blicken lassen. Das ist schlimm!“ Dann habe ich ihr die Sachen etwas beschrieben und sie meinte nur: „Ach, du meine Güte, das wissen die ganzen Leute hier ja gar nicht!“ Und so war das dann auch.

Porträt von Karsten Hein, fotografiert von der blinden Fotografin Silja Korn.

Porträt von Karsten Hein, fotografiert von der blinden Fotografin Silja Korn. (Foto: Silja Korn/Karsten Hein)

Bildbeschreibung für Blinde von Katharina und Valentina

Das Bild im Querformat wurde an einem bewölkten Tag in Berlin, Oranienburger Straße, im „Café Orange“ aufgenommen. Im Hintergrund ist der untere Bereich einer Häuserfassade zu sehen. Die Außenfassade ist recht schmutzig, die Fensterläden heruntergekommen. Die Häuser beinhalten einen Mix aus Backsteinbau und den klassischen 60er Jahre Bau. Farblich ist das Gelb des linken Hauses bereits sehr verblasst und das Grau des rechten, direkt angrenzenden Hauses wirkt eher ausladend. Unten am Boden anliegend sind einige vergitterte Kellerfenster und mittig eine große Einfahrt, welche mit Pfosten den Bürgersteig von der Straße abgrenzt. Über dem Tor ist eine alte Steinfigur, die jedoch leider kaum erkennbar ist. Man könnte annehmen, dass es sich dabei um eine Steinplastik handelt, die eine Büste darstellt. Die Farbe an dem Tor ist abgesplittert, das Weiß vergraut. Parallel zum Tor verläuft rechts entlang des linken, zartgelblichen Hauses eine Regenrinne, die hinter dem vorstehenden Baum verschwindet. Vor dem Haus verlaufen parallel zum 1. Stock Straßenbahnkabel. In die vor den Häusern befindliche Straße eingelassen, sind die dazugehörigen Gleise.

Mittig, links im Bild, direkt vor der Häuserfassade läuft gerade ein Paar vorbei. Sie ist bei ihm untergehakt. Beide tragen Jeans und braune Schuhe, sie haben dunkle Haare. Er trägt eine helle Jacke und in der linken Hand eine weiße Tüte. Sie wiederum eine schwarze Jacke, ein helles Tuch und eine beige Tasche über ihrer rechten Schulter. Diese Hand hat sie in der Jackentasche versteckt. Der zweite Pfosten vom Haus aus gesehen steht im Gegensatz zu den anderen schief. Während der Gehweg mit großen Pflastersteinen sehr ebenerdig ist, besteht die Einfahrt aus kleinen Kopfsteinen, die wie ein Mosaik wirken.

Die Erle vor dem Haus erleuchtet in einem satten Grün an diesem ansonsten tristen Sommertag.

Der eigentliche Fokus des Bildes liegt in einem strahlenden Lächeln. Ein Lächeln, das ansteckt, die Stimmung hebt und dabei so völlig befreiend wirkt. Den sonst grau-dunkelhaarigen Mann verjüngt es um einiges. Auch die sonst schwarze Kleidung lässt dabei die Ausstrahlung keineswegs introvertiert erscheinen. Die im T-Shirtkragen lässig hängende Sonnenbrille, die trotz Pullover und Jacke immer noch an Sommer erinnert, spiegelt ein Stückchen Himmel. Mit der rechten Hand in der Jackentasche, sitzt er ganz leicht zu seiner linken Seite gedreht, mit dem Kopf fast im Profil und der linken Hand ans Kinn fassend. Herzlich lachend, zeigen sich sogar einige Lachfältchen ums Auge. Er sitzt in einem Rattanstuhl vor dem Café, umgeben von vielen leeren Plätzen. Auf dem Stuhl hinter ihm hängt sogar noch eine orangefarbene Decke über der Lehne, falls es den Gästen zu kalt wird. Vorne links im Bild stehen pinkfarbene Blumen. Sie leuchten mit dem Lächeln des Mannes um die Wette. 

Die vorbeilaufenden Frauen rechts im Hintergrund wirken so unwichtig, so nebensächlich. Auch wenn das junge Mädchen verträumt an ihrem Zopf spielt und die Restauranttafel zu lesen scheint. Auch ein Mann im Jeanshemd direkt hinter der lachenden Person wirkt nur wie eine Figur, die die Straße beobachtet.

Viele fragen sich wie es zu so einem Lächeln kommen kann. Man betrachtet das Bild und muss einfach mitlachen. Es ist durch Silja entstanden. Sie selbst ist blind, aber fotografiert für ihr Leben gern. Karsten wurde diesen Tages zu Ihrer „Muse“, wenngleich er an dem Tag auch nicht so recht mitspielen mochte. Sie versuchte ihm Anweisungen zu geben, die er zu befolgen hatte, aber anstelle dessen entstand dieses Bild in seiner absoluten Natürlichkeit.

Foto: Silja Korn

Bildbeschreibung: Katharina und Valentina

Bild und Text entstanden bei dem Fotoseminar für Blinde.

Quelle: https://bildbeschreibungen.wordpress.com/tag/karsten-hein/

Sie haben ein Projekt zum Thema „Schönheit und Blindheit“ gemacht. Worum ging es darin genau und wie ist es zustande gekommen?

„Die Schönheit der Blinden“ – das ist im Kern die Fotodokumentation einer Modenschau von Blinden für Blinde, die ich vor drei Jahren gemacht habe. Ich habe mit sieben blinden Models eine Modenschau gemacht, die im Prinzip für die Models selbst und die Kamera stattgefunden hat. Auf eine sehende Öffentlichkeit habe ich verzichtet, um den Blinden das Gefühl zu ersparen, begafft zu werden. 

Was waren das für Kleider, die die blinden Models auf der Modenschau getragen haben?

Die Kleidung habe ich extra von Designern machen lassen. Das Besondere war, dass sie mit Punktschrift bestickt waren. Die Punktschriftbestickung hat eine Kunststickerin aus Halle gemacht, Antje Kunze. Sie hat zum ersten Mal eine Technik entwickelt, wie Punktschrift auf Stoff wirklich richtig lesbar ist. Also auch längere Texte, auch Fließtext, richtig lesbar ist – oder besser gesagt tastbar ist – für Blinde.

Auf der Modenschau fühlt eine Frau die Punktschriftbestickung auf dem Ärmel eines Mannes.

Auf der Modenschau fühlt eine Frau die Punktschriftbestickung auf dem Ärmel eines Mannes. (Foto: Karsten Hein)

Wofür diese Punktschriftbestickung? 

Ich hatte ursprünglich nur die Idee: Wenn ich sieben Blinde gleichzeitig vor der Kamera habe – die haben keine Orientierung und dementsprechend weiß ich auch gar nicht, was da passieren wird. Ich kann sie ja nicht alle gleichzeitig dirigieren. 

Und ich habe gedacht: Wenn auf der Kleidung etwas drauf ist, was einen Sinn ergibt, wenn ich weiß, wo ihre Hände hingehen – dann weiß ich auch, wo die Menschen hingehen. Und das war dann tatsächlich auch so. Dass dann darüber hinaus so etwas entstanden ist, dass die Sache ein Selbstläufer geworden ist, dass die Bekleidung selbst oder diese Sticktechnik so gut angekommen ist, das ist natürlich toll.

Die beiden blinden Frauen, mit denen Sie von Anfang an Kontakt hatten: Woran haben Sie gemerkt, dass das Thema Schönheit für die beiden wichtig ist?

Die beiden Frauen, mit denen ich am Anfang in Halle zusammengearbeitet habe, sind Jennifer Sonntag und Ilka Eberle. Ich habe sie ursprünglich im Porträt fotografiert – und für beide Frauen war es von vornherein ein Thema „Wie sehe ich aus? Wie wirke ich?“

Beide haben mir dann von sich aus erzählt, wie sie das so machen: Dass sie im Berufsförderungswerk eine kleine Schminkausbildung bekommen haben, dass sie sich selbst morgens schminken und dass sie ein Grund-Makeup selber hinbekommen – ohne fremde Hilfe. Und das stimmt auch: Beide waren für unseren Fototermin geschminkt und ich hätte nicht gedacht, dass sie das selbst so hinbekommen haben. Haben sie aber. 

Blinde wissen ganz wenig über das Aussehen ihres Gesichtes und ich erzähle ihnen aber ganz viel darüber. Deswegen saugen sie das auf wie ein Schwamm. Porträtsitzungen mit Blinden dauern um ein Vielfaches länger, weil sie einfach unglaublich viele Fragen haben, die ihnen bisher noch niemand beantwortet hat.

Gülistan Sansar (TU-Studentin, blind) über Schönheit und ihr eigenes Aussehen

Auch wenn sie selbst nichts sehen kann, legt Gülistan durchaus Wert auf ihr eigenes Aussehen und wie sie von anderen Leuten wahrgenommen wird.

Sabrina Schmitz (ehemalige TU-Studentin, blind) über Schönheit und ihr eigenes Aussehen

Sabrina Schmitz geht es ähnlich wie Gülistan. Die 30-jährige ist eine ehemalige TU-Studentin.

Eines der Models auf der Modenschau.

Eines der Models auf der Modenschau. (Foto: Karsten Hein)

Und dann sind Sie zusammen auf die Idee gekommen, etwas in der Richtung zu machen?

Wir haben relativ früh gesagt: Man könnte ja auch extra was für Blinde machen und überlegt, wie das aussehen könnte. Ich habe dann zunächst mit einer Modeschule in Magdeburg gesprochen. 

Die haben mir Vorschläge gemacht, wie ihre Schüler etwas Experimentelles machen könnten – ich weiß noch, dass das Stichwort Joghurtbecher fiel. Ich habe dann Jennifer und Ilka davon erzählt, auch von den Joghurtbechern. Daraufhin haben die beiden gesagt: „Nein, den Quatsch wollen wir nicht. Wir wollen schön aussehen! Wir wollen normale Klamotten anhaben!“ Es ging ihnen gar nicht um konservativ oder so – es sollten einfach normale Klamotten sein.

Und was für Kleider sind es dann geworden?

Die Kleider, die die Models hinterher auf der Modenschau getragen haben, sind jeweils mit den Designern vorher abgesprochen worden. In zwei Fällen sind die Kleider extra geschneidert worden, in zwei Fällen wurden sie angepasst. Die Männer wurden von einem italienischen Label sozusagen mit den Basics ausgestattet, die dann mit der Punktschrift bestickt wurden. 

Alle Models waren daran beteiligt, was gemacht worden ist. Und von den Designern weiß ich auch, dass alle sehr engagiert waren.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.