Erfolgsk(l)ick 2.0

Ein Feature von Jens Rospek
Kennst du das Problem? Es ist mal wieder Zeit, ein Praktikum zu machen. Diese professionellen Lebensabschnittsverhältnisse werden in der Berufswelt zu einer immer wichtigeren Qualifikation. Aber wo kann ich am meisten lernen oder schon selbstständig arbeiten? Und welche Firma zahlt richtig gut, welche beutet mich bloß aus? Das Online-Portal meinpraktikum.de kann auf solche Fragen Antworten liefern. Das Projekt zeigt, dass eine gute Idee und Hartnäckigkeit manchmal eben doch genug sind, um im umkämpften Internet-Business zu überleben.

Die beiden "Macher" von meinpraktikum.de: Daniel Pütz und Stefan Peukert (re.), Quelle: www.medien.nrw.de

Die beiden "Macher" von meinpraktikum.de: Daniel Pütz und Stefan Peukert (re.), Quelle: www.medien.nrw.de

Weißes Sofa, Playstation, Flachbildfernseher. Die Büroräume einer erfolgreichen Firma stellt man sich irgendwie anders vor. „Nicht, dass ein falscher Eindruck entsteht, hier wird schon gearbeitet. Aber man muss sich ja auch mal entspannen“, sagt Stefan Peukert und lacht. Wenn man ihn und Joschka Fenten, einen der ersten Angestellten des Jungunternehmens, so vor sich sieht, fühlt man sich unweigerlich an sich selbst erinnert und denkt: Studenten. Mitte zwanzig, entspanntes Auftreten, coole Klamotten, lockere Begrüßung. Dabei ist Stefan einer der beiden Gründer des Startups „meinpraktikum.de“. Firmen dieser Art werden oft spontan, mit einer guten Idee und geringen Budget aus dem Boden gestampft. Häufig stecken clevere, junge Köpfe dahinter. Die meisten jedoch verschwinden genauso schnell wieder in der Versenkung wie sie aufgetaucht sind. Gerade im Online-Geschäft kann der geniale Einfall von heute morgen schon uralt sein.
Stefan und sein Partner Daniel Pütz haben das Praktikumsportal Anfang 2011 online gestellt. Für die beiden war sie alles, diese eine geniale Idee. Sie hat die Jungunternehmer auf ihre Erfolgsgeschichte geschickt. Beide hatten bei ihren Praktika während des Wirtschaftsstudiums an der Uni Witten gemischte Erfahrungen gemacht: „Da haben wir uns die Frage gestellt, ob es nicht sinnvoll wäre, schon vor dem Praktikum zu wissen, was einen erwartet oder sich zumindest mit anderen Studenten auszutauschen und eigene Erfahrungen weiterzugeben.“ Nun ist die Gründung eines Praktikumsportals nicht gerade die Neuerfindung des Rades. Wie also ist der Erfolg von meinpraktikum.de trotz der großen Konkurrenz zu erklären?

Erfolg kann so einfach sein

Drei Begriffe liefern die Antwort: Kreativität, Einfachheit und Vielfältigkeit. Oder wie Stefan es ausdrückt: „Die einfache Navigation für den User und das frische und klare Design unserer Homepage.“ Der Schlüssel zum Erfolg sei vor allem die Vielzahl von Bewertungskriterien, wie Joschka erklärt: „ Häufig funktionieren solche Portale nach einem simplen Ja-Nein- oder Gut-Schlecht-Prinzip. Wir jedoch haben bis zu 26 Kategorien, die die Praktikanten bewerten können. So bekommen die Studenten einen viel besseren Überblick, was genau bei welchen Unternehmen gut ist und was nicht.“ Konkret heißt das: anstelle der üblichen „Mein Praktikum war scheiße, weil mein Chef mich nicht leiden konnte“-Bewertungen gibt es Kategorien wie Karrierechancen, Wertschätzung und Arbeitsatmosphäre.
Neben den standardisierten Kriterien gibt es noch einen weiteren Vorteil, den sicher jeder Student sehr zu schätzen weiß: eine Registrierung ist zunächst nicht notwendig. Jeder kann auf alle Informationen und Bewertungen der Unternehmen zugreifen, auch ohne persönliche Daten zu hinterlegen. Nur wer selbst bewerten will, muss eine E-Mail-Adresse angeben.

Und woher kommt das Geld?

Der „übliche“ Weg durch Werbung kommt für meinpraktikum.de nicht in Frage. Mal wieder merkt man Stefan an, dass er offiziell zwar Jungunternehmer, im Herzen aber immer noch Student ist: „Da wir von der Bombardierung mit Werbung und sonstigem Spam selbst genervt sind, ist unsere Seite praktisch werbefrei“. Stattdessen beschlossen Daniel Pütz, Stefan und der Rest des Teams, aktiv an Unternehmen heranzutreten. Oder wie Stefan es nennt: „Klassische Kaltakquise. Man sucht sich eine Liste mit den hundert erfolgreichsten deutschen Unternehmen und ruft da an.“ Der Schlüssel zum Erfolg liege bei dieser eher simpel wirkenden Methode in der gestiegenen Bedeutung der Praktika. Joschka erläutert: „Praktikanten sind mittlerweile häufig mit einer vollwertigen, aber eben billigen Arbeitskraft zu vergleichen. Entsprechend brauchen die Praktikanten nicht mehr so sehr die Unternehmen, sondern die Unternehmen brauchen die Praktikanten.“ Um eine ordentliche Anzahl an Bewertungen als Basis zu bekommen, klapperten Daniel, Stefan und ihre Helfer zunächst Universitäten in ganz Deutschland ab.

Das Team von meinpraktikum.de: Sechs der insgesamt zwölf angestellten Mitarbeiter, Foto: Jens Rospek

Das Team von meinpraktikum.de: Sechs der insgesamt zwölf angestellten Mitarbeiter, Foto: Jens Rospek

Bei dieser „Unitour“ wurden an 20 Hochschulen Studenten nach ihren Praktikumserfahrungen befragt und die Bewertungen gesammelt. Heute finden sich auf der Website fast 8000 Bewertungen von mehreren tausend Unternehmen. Mittlerweile zählen sogar Konzerne wie die Lufthansa, die Deutsche Bank oder auch der VfL Bochum zu den Partnerunternehmen von meinpraktikum.de. Die Partner können gegen eine jährliche Gebühr, die sich nach der Unternehmensgröße richtet, ihr Profil mit Informationen, Fotos oder Videos füttern und damit die Bewertungen der Praktikanten ergänzen. Und auch wir Studenten profitieren: seit einigen Monaten bietet meinpraktikum.de über 1000 Arbeitsangebote. Aus dem Praktikumsportal ist eine Jobbörse geworden.

Klingt diese Erfolgsstory nicht irgendwie zu gut, um wahr zu sein? Doch. Und ganz einfach ist es tatsächlich nicht mit der Firmengründung: „Ein Tipp für alle, die eine eigenen Firma gründen wollen: Niemals einfach das Telefonbuch aufschlagen und den ersten Notar oder Steuerberater auf der Liste auswählen“, sagt Stefan und lacht. Daniel und er haben ihre Erfahrungen gemacht: „Solche und ähnliche Fehler haben uns viel Geld und Zeit beim Aufbau der Seite gekostet. Im Grunde mussten wir nochmal von vorn anfangen.“
Tja, Chef werden ist nicht schwer, Chef sein dagegen sehr. Wie bei vielen Jungunternehmen war besonders die Finanzierung mit Problemen verbunden. Stefan lehnt sich zurück und erinnert sich: „Nachdem wir einen Bankkredit letztlich nicht bekommen haben, haben wir unsere Ersparnisse zusammengekratzt und uns bei unseren Familien und Freunden Geld geliehen.“ Doch wie für viele Neulinge in der Selbstständigkeit kamen bald Kosten dazu, mit denen man gar nicht kalkuliert hatte. Stefan erklärt: „Das fängt bei Kleinigkeiten wie eigenem Briefpapier an“. Vor allem die technische Umsetzung musste gestemmt werden, denn, wie Joschka einwirft: „Stefan und Daniel sind eben keine Programmierer.“ Schließlich erwiesen sich die Programmierer von „9Elements“ als passende Partner. Die Website konnte online gehen. Erleichterung auf allen Seiten. Stefan: „Zwar haben Familie und Freunde unsere Pläne größtenteils positiv aufgenommen. Manche haben aber nicht verstanden, warum wir so ein großes Risiko eingehen“.

Bleibt noch eine Frage: wie vereinbaren Stefan und Daniel eigentlich zwei so unterschiedlichen Geschäftsseiten? Hier die Praktikanten, die frei von der Leber weg alles äußern dürfen, dort die Unternehmen, die sich gegen Geld in einem möglichst positiven Licht präsentieren wollen. Eine ehrliche Bewertung kann Unternehmen durchaus schaden. Entsteht ein moralischer Konflikt für die Betreiber, die selbst noch an der Uni eingeschrieben sind und damit vor allem den Studenten nahe stehen, andererseits aber ihren Geschäftspartnern verpflichtet sind? Nicht für Stefan: „Bei uns wird keine Bewertung auf Unternehmensdruck gelöscht. Letztlich leben wir von den Studenten. Je mehr User, desto interessanter ist die Seite für unsere bzw. neue Partner. Da verliere ich lieber ein Unternehmen als unsere Glaubwürdigkeit.“

The future is now

Arbeiten im kreativen Chaos: Stefan Peukert (mi.) und seine Mitarbeiter, Foto: Jens Rospek

Arbeiten im kreativen Chaos: Stefan Peukert (mi.) und seine Mitarbeiter, Foto: Jens Rospek

Und wie sieht es mit dem Uni-Abschluss aus? Eher mau für Stefan. Neben der Arbeit bleibt für das Studium einfach keine Zeit. Immerhin Joschka hat sich fest vorgenommen, bald seinen Master zu machen. Und die Firma? Wird sie wie so viele Internetfirmen gewinnmaximierend verkauft? Stefan hat darauf eine klare Antwort: „Wir haben nicht die Intention zu verkaufen. Wir wollen uns weiterentwickeln.“ Erst kürzlich hat meinpraktikum.de den „Praktikantenreport 2012″ veröffentlicht. In dieser Studie wird auf Basis aller bisherigen Bewertungen der Durchschnittspraktikant präsentiert. Dieser arbeitet durchschnittlich 7,75 Stunden und verdient monatlich 290 Euro. Außerdem kann man nachlesen, welche Branchen und Regionen bei den Praktikanten besonders beliebt oder verpönt sind. Die Bedeutung von Praktikanten wird zukünftig aller Voraussicht nach weiter zunehmen. Das belegen auch die aktuellsten Studien, beispielweise von der Hans-Böckler-Stiftung. Gute Aussichten also für mein praktikum.de. Manche Start-Ups sind anscheinend doch nicht nur eine Momentaufnahme.

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