Das Duell: Guttenbergs Rücktritt – ein Sieg des Netzes?

Das Duell: Sebastian Schaal versus Falk Steinborn

Karl-Theodor zu Guttenberg ist aus dem Amt, aber die Debatte um seine Person, die Doktorarbeit und die Rolle der Medien hält an. Nicht nur im Fernsehen, Hörfunk und Zeitungen wird berichtet und diskutiert. Gerade auch im Internet werden Meinungen ausgetauscht und Lager gebildet. Hunderttausende organisieren sich etwa in Facebook-Gruppen und wünschen das Comeback des Ex-Verteidigungsministers. Andere hingegen feiern seinen Abgang als Erfolg der Netzgemeinde. Aber ist zu Guttenbergs Rücktritt wirklich ein Sieg des Internets?

PRO CONTRA
Ja, ohne das Internet wäre Karl-Theodor zu Guttenberg nicht zurückgetreten. Ohne Internet wäre diese Affäre um seine Doktorarbeit wohl nie ins Rollen gekommen. Einem aufmerksamen Leser, seines Zeichens Dr. jur. (hoffentlich ein richtiger), fielen extreme Stilbrüche in der Arbeit auf. Bei ihm entstand der Verdacht, dass Freiherr zu Guttenberg ganze Passagen aus seinen politischen Reden übernommen haben könnte – fragwürdig, aber zulässig.

Also googelte er die betreffenden Stellen und wurde fündig. Nur leider nicht auf einer Seite unseres Ex-Verteidigungsministers, sondern bei der „Neuen Züricher Zeitung“. Internet 1, Guttenberg 0.

Viele arbeiten zusammen

Das kam natürlich an die Öffentlichkeit. Und prompt begann ein wahrer Ansturm der selbsternannten Plagiatsjäger auf die heiß diskutierte Dissertation. Auf Seiten wie „GuttenPlag Wiki“ konnte fortan jeder vermeintlich abgeschriebene Stellen in der Doktorarbeit zu Guttenbergs markieren – natürlich mit Beleg der Originalquelle. So sind bisher auf 324 von 393 Seiten entsprechende Textpassagen gefunden worden. Und das alles in nur zehn Tagen, weil viele Freiwillige über das Internet zusammengearbeitet haben – Stichwort Schwarmintelligenz.

Ohne das Web hätte sich das Verfahren deutlich hingezogen. Mitarbeiter der Uni Bayreuth hätten die Dissertation in einem langwierigen Verfahren überprüfen müssen. Bis ein Ergebnis festgestanden hätte, wäre der ganze Aufruhr längst vergessen. Doch durch „GuttenPlag“ ging alles schneller, die Beweislast war erdrückend, der Minister war selbst ohne rechtsstaatliche Verurteilung nicht mehr haltbar. Internet 2, Guttenberg 0.

Internet beeinflusst Politik

Die Haltung zur Politik hat sich bei der deutschen Bevölkerung nicht geändert, aber die Art der Meinungsäußerung. Wollte der Bürger früher den Politikern etwas mitteilen, musste er auf eine Demo gehen. Das ist aufwändig, Demos finden auch nicht immer statt. Heute tritt man passenden Facebook-Gruppen oder Foren bei und postet da seine Meinung.

Durch die unpersönliche Kommunikation im Internet fallen einige Kommentare sehr deutlich aus. Auch wenn man viele davon nicht wortwörtlich nehmen kann, allein durch ihre Anzahl kann man sie nicht ignorieren.

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Nein, das Internet brilliert nicht als siegreicher Königsmörder von zu Guttenberg. Dazu fehlt dem Netz die Schlagkraft. Es hat vielleicht das Messer geschmiedet, aber zum Schwingen war es zu schwach. Denn dafür braucht es mehr als das schwarmhafte Detektivtum auf „GuttenPlag“, das eine erstaunliche Leistung erbracht hat. Sie war schnell und akribisch, aber ohne klassische Medien wäre sie gar nicht denkbar gewesen.
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Der Impuls kam aus der Zeitung

Die „Süddeutsche Zeitung“ war es, die den Plagiatsverdacht gegen Guttenbergs Doktorarbeit auf die mediale Agenda hievte. Sie war es, die die ersten Verdachtsstellen veröffentlichte. Und sie war es auch, die dem Bremer Juraprofessor und Entdecker der ersten Plagiate,  Andreas Fischer-Lescano, als vertrauenswürdig und wirkungsvoll genug erschien, um seine Erkenntnisse zu teilen.

Das Internet hingegen hätte Fischer-Lescano am Anfang seiner Entdeckung kaum genutzt. Seine Thesen wären vielleicht noch auf das Interesse von politischen Bloggern gestoßen. Aber in diesem Kreis hätte der Plagiatsverdacht dann sein Schattendasein gefristet – bis zu dem Moment, in dem ihn durch Journalisten zu großer Öffentlichkeit verholfen worden wäre.

Viele Ergebnisse, aber kein Publikum

Das gleiche gilt für die Plattform „GuttenPlag.“ Ihre erschreckenden Erkenntnisse wären ohne die Massenmedien im digitalen Informationsüberfluss untergegangen. Erst Journalisten haben die Ergebnisse gesichtet, weiter recherchiert und eingeordnet. Und sie haben das vollbracht, wozu das Internet – noch nicht – im Stande ist: Sie haben durch ihre Reichweite dazu beigetragen, dass diese „GuttenPlag“-Erkenntnisse von einem breiten Publikum gehört wurden. Damit trieben sie die öffentliche Empörung voran und aktivierten mehr Menschen zur Mitwirkung – auch im Internet.

Nach dem Königsmord steht deshalb die Erkenntnis: Das Internet hat das scharfe Messer geschmiedet. Aber als Sieger zählt der Messerschwinger. Und das sind die klassischen Medien. Das wiederum passt in die Analogie. Denn der Königsmord kommt oft aus den eigenen Reihen. Im Fall von Guttenberg sind die Medien Teil der eigenen Reihen. Sie haben ihn stark gemacht – nicht nur „Bild“, sondern auch „Spiegel“ und die FAZ“ – und brachten ihn schließlich zu Fall.

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Foto: stockxchng/ bizior, Montage: Falk Steinborn, Teaserbild: Montage: Falk Steinborn, Fotos: www.scx.hu/clix, www.zuguttenberg.de

1 Comment

  • Paul sagt:

    Mal abwarten wie lange man von Ihm wirklich nix hören wird. Ich denke in wenigen Jahren (z.B. 5 Jahren), wer der Herr Gutti wieder in die Politik gehen. Wollen wir mal hoffen das es mehr Jahre werden 😀

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