Auslandssemester: Studieren & Verlieben

_MG_2755Drei Paare, drei Auslandsaufenthalte, drei Geschichten: Evin aus dem Kosovo absolviert ihr gesamtes Studium in der Türkei. Dort lernte sie ihren Freund Anil kennen. Im Sommer muss Evin die Türkei verlassen, die beiden wissen noch nicht, was das für ihre Zukunft bedeuten wird. Vielleicht werden sie wie Jasper und Veronika  eine Fernbeziehung führen. Oder sie finden einen Weg, zusammenzubleiben – wie Kim und Frédéric. Über Herausforderungen und Chancen einer internationalen Liebe.

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Evin & Anil

Evin Anil

Die Geschichte von Evin (22) und Anil (23) begann bei einem einjährigen Vorbereitungskurs für die Universität in Eskişehir in der Türkei. Dort absolviert Evin genau wie Anil das gesamte Studium, obwohl sie aus Pristina im Kosovo stammt. „Am Anfang waren wir in einer Klasse. Da aber alle zwei Monate die Klassenkameraden wechselten, haben wir uns lange nicht mehr täglich gesehen“, erzählt Evin. Trotzdem sind sie in Kontakt geblieben, bis sie nach einigen Monaten wieder in eine Gruppe kamen. „Wir haben viel Zeit miteinander verbracht. Zuerst habe ich es ignoriert, aber ich habe mich in Anil verliebt.“ Als er ihr sagte, dass er sie mag, trafen sie sich auch außerhalb der Schule. Beim ersten Date waren sie im Kino, danach gingen sie noch einige Male aus. Knapp ein Jahr nach ihrer ersten Begegnung im Vorbereitungskurs wurden sie am 14.Juni 2012 ein Paar.

I can never be 100 percent happy.

Evin studiert noch bis Ende des Sommersemesters Journalismus in der Türkei. Solange lebt sie in einer WG. Anil wohnt bei seinen Eltern. „Ich verstehe mich gut mit seiner Familie. Da ich Türkisch spreche, können wir uns problemlos unterhalten“, sagt sie. Auch mit Anil redet sie Türkisch. Im Kosovo war Evin auf einer türkischen Schule, deswegen kann sie die Sprache fließend. Ihre Muttersprache ist Albanisch, das spricht ihr Freund aber nicht.

Ihre eigene Familie in Pristina besucht sie nur zwei Mal im Jahr; dann aber für mehrere Wochen. „Es ist beides schwierig: Ich kann entweder meine Familie sehen oder meinen Freund. Sobald ich anfange, an den jeweils anderen zu denken, kann ich nie zu hundert Prozent glücklich sein“, sagt Evin. Durch die Zeit, die sie aufgrund der Besuche voneinander getrennt waren, lernten die Zwei aber, sich gegenseitig zu vertrauen. Das ist Evin besonders wichtig, denn sie findet: „Treue ist heutzutage schwer zu finden. In unserer Beziehung ist Eifersucht kein Problem.“

There are only extremes.

Da beide aus südöstlichen Ländern kommen, erkennt Evin keinen großen kulturellen Unterschied. Das alltägliche Leben in der Türkei unterscheidet sich aber von dem im Kosovo: Zum einen ist es teurer, vor allem aber verhalten sich die Menschen anders. „Viele Leute hier sind nicht besonders offen gegenüber ausländischen Studenten, oder aber sie sind ausgesprochen höflich. Ich habe das Gefühl, es gibt nur diese beiden Extreme“, sagt sie.

Ein spezieller kultureller Unterschied ist Evin aber doch aufgefallen: Auf der Hochzeit tanzen die Türken den traditionellen Volkstanz „Halay“. Außerdem gibt es den Brauch, der Braut ein rotes Band um die Taille zu legen, das für ihre Jungfräulichkeit steht. Im Kosovo gibt es diese beiden Rituale nicht. Evin weiß genau: Sollten Anil und sie heiraten, möchte sie nicht, dass diese türkischen Traditionen Teil ihrer Feier sind. Sie kann sich nicht damit identifizieren. Mit der Hochzeit wollen sich die beiden aber noch Zeit lassen. „Wir sind noch jung und wollen nichts überstürzen“, sagt sie.

I’m really scared of the future.

„Dieses Jahr beende ich mein Studium. Wenn ich bis dahin weder verheiratet bin, noch einen Job habe, muss ich die Türkei verlassen. Unsere Beziehung belastet das nicht, wir sind einfach glücklich, dass wir im Moment noch zusammen sind“, sagt Evin. Trotzdem hat sie Angst vor der Zukunft. „Anil und ich waren zwar schon öfter voneinander getrennt – dann aber immer mit dem Wissen, dass wir uns bald wiedersehen. Ich versuche, in diesem Semester Arbeit zu finden, damit ich hier bleiben kann.“ Denn heiraten kommt für die beiden einfach noch nicht in Frage.

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Veronika & Jasper

Jasper Veronika

Die Geschichte von Veronika (23) und Jasper (28) begann im März 2015 in Maastricht. An einem Dienstagabend nach der Arbeit zog Jasper mit seinen Freunden um die Häuser. In einer Bar sah er sie. Veronika saß mit einigen Kommilitonen am Tresen. Sie lachten und tranken. Jaspers Entscheidung war schnell gefallen: Er musste sie ansprechen. „Wir haben geredet und unsere Facebook-Kontaktdaten ausgetauscht“, sagt er.

Die beiden haben sich die ganze Nacht geschrieben. Am nächsten Tag hatten sie ihr erstes Date. Es war der 24. März 2015. Jasper und Veronika wurden noch an diesem Abend ein Paar. „Wir durften keine Zeit verschwenden“, erinnert sich Jasper. „Schließlich ist sie am 4. April schon wieder zurück nach Tschechien geflogen, weil ihr Erasmus-Semester zu Ende war.“

We could not waste time.

Seitdem haben die Zwei sich nur sieben Mal getroffen. Das größte Problem ist die Zeit. „Veronika studiert noch Politikwissenschaften in Tschechien und ich arbeite in den Niederlanden. Da die einzigen Direktflüge freitags und montags sind, würde sie entweder ihre Kurse verpassen oder ich müsste mir frei nehmen. So viel Urlaub, wie ich dafür brauche, habe ich leider nicht. Und Flüge, bei denen ich umsteigen muss, sind zu teuer.“ Also führen die beiden viele Gespräche über Skype und Facebook. Doch Jasper reicht das nicht: „Es ist seltsam, sie nicht jeden Tag sehen zu können. Deshalb bin ich umso glücklicher, wenn sie hier ist.“ Durch die Fernbeziehung kann er zwar sein eigenes Leben führen und hat mehr Freiraum für sich. Trotzdem fehlt es ihm, Veronika zwischendurch einfach mal kurz zu besuchen.

Der Niederländer und die Tschechin unterhalten sich auf Englisch. Zusätzlich versuchen sie die Sprache des Partners zu lernen. Jasper macht einen Online-Kurs für Tschechisch. Bislang reichen seine Kenntnisse aber nicht, um sich mit Veronikas Familie zu verständigen. „Als ich sie besucht habe, musste Veronika die ganze Zeit übersetzen. Die Situation war zwar seltsam, dennoch war ihre Familie sehr freundlich zu mir“, sagt Jasper. Veronika lernt seine Sprache direkt von ihm – denn er ist Niederländisch-Lehrer für Ausländer. Doch auch sie muss noch viel üben.

I knew nothing about Czech Republic.

Die beiden kommen aus unterschiedlichen Kulturen und ziehen sich gerne damit auf. „Sie sagt immer, Westeuropäer hielten sich für etwas Besseres, während ich ihr vorhalte, dass alle Tschechen Kommunisten sind.“ Sein Vorurteil stammt aus einem Aufenthalt in Russland, erklärt Jasper. „Ich hatte vor unserer Beziehung keine Ahnung von Tschechien. Deshalb habe ich meine Erfahrungen aus Russland einfach übertragen.“ In Wirklichkeit empfinden sie ihre Kulturen als gar nicht so verschieden – letztlich leben sie beide in demokratischen, europäischen Staaten.

Unterschiede zeigen sich eher in Kleinigkeiten, zum Beispiel sind Tschechen laut Jasper emotional distanzierter. Da Tschechien außerdem ein überwiegend katholisches Land ist, ist dort der Namenstag wichtiger als in den eher protestantischen Niederlanden. „Dafür feiert man bei uns den Konigsdag, also den Geburtstag des Königs. Das gibt es in Tschechien natürlich nicht“, sagt Jasper.

Everything has to remain the way it is.

„Als Niederländisch-Lehrer finde ich in Tschechien keine Arbeit, deshalb werde ich hier in den Niederlanden bleiben. Veronika kann frühestens in zwei Jahren herkommen, weil sie dann erst mit ihrem Studium fertig ist. Bis dahin muss leider alles bleiben wie es ist.“

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Kim & Frédéric

Kim Frederic

Die Geschichte von Kim (22) und Frédéric (24) begann für Kim mit einer Absage. Sie wollte für ein Gemeinschaftsprojekt mehrerer europäischer Universitäten im Juli 2014 nach Portugal reisen. „Aber da war kein Platz mehr frei“, erzählt die Belgierin. Stattdessen kam sie nach Freiburg. Dort war Frédéric Mitglied des Organisationsteams, das sich um die ausländischen Studenten gekümmert hat.

Die beiden verbrachten in der Projektwoche viel Zeit miteinander, jedoch immer zusammen mit den anderen Teilnehmern – von romantischen Gefühlen keine Spur. Dann ging es für Kim zurück in ihre Heimatstadt Antwerpen. Sie und Frédéric blieben dennoch in Kontakt, „einfach so, ohne Hintergedanken“. Sie schrieben sich mehrere Stunden am Tag bei Facebook. „Irgendwann war da mehr“, sagt Kim. Deshalb hat sie einen Monat später beschlossen, noch einmal die knapp 450 Kilometer nach Freiburg zu reisen.

Während ihres Besuchs konnte sie bei ihm schlafen. Frédéric hat ihr die Stadt gezeigt, sie zum Essen eingeladen und zu Partys mitgenommen. Auf einer Feier kam es am 29.August 2014 zum ersten Kuss. Kurz vor Kims Heimreise Anfang September entschieden sie sich: „Wir wollten der Beziehung eine Chance geben – es einfach versuchen.“

Many conversations ended because Skype decided to not cooperate anymore.

Nach der Abreise folgte ein Jahr Fernbeziehung. Ein Jahr lang alle zwei Monate sieben Stunden Fahrt, 75 Euro pro Stecke – jedes Mal, wenn sie sich sehen wollten. Ein Jahr lang Kommunikation über Skype. „Viele Gespräche waren schnell erledigt, weil die Verbindung zusammengebrochen ist“, sagt Kim. Einmal hatten die beiden einen heftigen Streit, als Skype plötzlich abstürzte. „Wir konnten einander nicht mal mehr in die Augen sehen, um über unser Problem zu sprechen. Ich hab’s gehasst.“ Stattdessen mussten sie den Streit schriftlich klären. „Das war ziemlich schwierig“, sagt sie.

Nach einem Jahr war Kim mit ihrem Journalismus-Studium fertig. „Danach mit Frédéric zusammenzuziehen, war für mich ein logischer Schritt. Länger zu warten wäre in meinen Augen falsch gewesen. Es war einfach ein guter Zeitpunkt, weil ich nach dem Studium unabhängig war.“ Dass sie im August 2015 zu ihm nach Deutschland gezogen ist und nicht umgekehrt, liegt daran, dass Frédéric bereits einen festen Job hat. Außerdem spricht Kim besser Deutsch als er Flämisch. „Er hat mich nie gedrängt, zu ihm zu ziehen. Ich hab’s gemacht, weil ich es wollte.“ Natürlich habe es auch Zeiten gegeben, in denen sie ihren Entschluss angezweifelt habe. Aber „wenn du es nicht versuchst, wirst du auch nie wissen, ob es klappt“.

If you never try, you never know.

Kim bereut ihre Entscheidung nicht. Sie fühlt sich in Deutschland willkommen und auch das Zusammenleben mit Frédéric funktioniert gut. Gerade ist sie dabei, ihr neues Leben zu organisieren. Drei Tage die Woche arbeitet sie in einem Café. Außerdem plant eine Bekannte von ihr, in diesem Jahr eine Sprachschule zu eröffnen. „Vielleicht bekomme ich so einen Job in der Unternehmenskommunikation. Das wäre klasse, denn dann könnte ich das machen, was ich studiert habe“, sagt Kim. In den ersten Monaten in Deutschland war Kim überrascht: Sie empfindet das Leben hier im Vergleich zu Antwerpen als viel teurer. Besonders aufgefallen ist ihr das bei öffentlichen Verkehrsmitteln und der Krankenversicherung.

Mit der Sprache hat sie kein Problem, nur formelles Schreiben fällt ihr noch schwer. Mit Frédéric spricht sie manchmal Deutsch, meistens jedoch unterhalten sie sich auf Englisch. „Es ist komisch, mit ihm Deutsch zu sprechen, da wir uns auf Englisch kennengelernt haben“, sagt sie. Denn während des europäischen Projekts haben sie ausschließlich Englisch gesprochen. Zurzeit bringt sie ihm Flämisch bei.

One point less to fight about.

In ihrer Beziehung ist er entspannt, sie organisiert. Sie hat manchmal zu viel Stress, er zu wenig. Sie spielt Gitarre und schreibt Lieder, er fährt Skateboard und spielt Lacrosse. Trotz all der Unterschiede sind ihnen die gleichen Werte wichtig: Respekt, seine Chancen nutzen, ein freundlicher Umgangston. Einen „clash of cultures“ gibt es in ihren Augen nicht, da sie beide aus westeuropäischen Ländern kommen. Für Kim ist diese kulturelle Ähnlichkeit ein Vorteil für ihre Beziehung: „Ein Streitpunkt weniger“, sagt sie grinsend. Dadurch falle es ihr außerdem leichter, sich in Deutschland einzuleben.

Zudem kam Kims Großmutter aus Deutschland, sodass sie kaum Vorurteile gegenüber Deutschen hatte. Eines hat sich in ihren Augen jedoch bestätigt: „Die Leute sagen immer, dass die Deutschen pünktlich und gut organisiert sind – und das stimmt definitiv.“ Nur Frédéric nimmt es mit der Ordnung eben nicht immer ganz so genau.

Our plan is just to be happy here.

„Wir wollen hier in Freiburg einfach glücklich sein. Und viel reisen. Nächstes Jahr im Sommer vielleicht nach Schottland. Mal schauen, was sich so ergibt“.

 

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