Ein moderner Tagelöhner

In der Dortmunder Künstlerszene hat sich Tobi Katze mittlerweile einen Namen gemacht. Mehrmals im Jahr veranstaltet der 29-Jährige mit drei weiteren Literaten die Leseshow „Guten Tacheles“. Nebenbei schreibt er Bücher und gibt Workshops. Doch wie ist der Wunsch entstanden, Künstler zu werden, und wie lebt es sich überhaupt als solcher? pflichtlektüre ist diesen Fragen für euch nachgegangen und hat ihn bei einer seiner Leseshows begleitet.

In der Dortmunder Künstlerszene hat er sich mittlerweile einen Namen gemacht: Literat, Poetry-Slammer und Filmemacher Tobi Katze. Foto: Sophia Reimers

In der Dortmunder Künstlerszene hat er sich mittlerweile einen Namen gemacht: Literat, Poetry-Slammer und Filmemacher Tobi Katze. Foto: Sophia Reimers

Gegen Ende des Abends wird es noch einmal still im kleinen Saal des Kulturhauses der Dortmunder Stadtwerke. Tobi Katze liest über die Traurigkeit: „Und ich will traurig sein und das Bier und Bier in mich hinein trinken, weil du beides können musst, um das Leben nachzuvollziehen.“ Ein paar Minuten lang reflektiert Katze über das große und einnehmende Gefühl, über verlorene Beziehungen und kollektive Einsamkeit. Das Publikum lauscht bedächtig. Katzes Text berührt und macht nachdenklich.

Katzes Texte: Zwischen Melancholie und Witz

Doch der 29-Jährige, der im Ruhrgebiet geboren wurde und seit 2001 in Dortmund wohnt, hat sich nicht allein der Melancholie verschrieben. Während der zweistündigen Leseshow „Guten Tacheles“ beweist er, dass er auch eine humoristische Seite besitzt. Seine Ausführungen über die “Ostblock-Katzen-Konfetti-Stanzmaschine“, ein sprachliches und gedankliches Fantasiegebilde, bewegen sich am Rande der Absurdität. Verrückt, einfallsreich und gut vorgetragen sind seine Geschichten und sorgen für zahlreiche Lacher im Publikum.

Viermal im Jahr findet die Lesebühne „Guten Tacheles“ in den Räumen des DEW21 Kulturhauses statt. Tobi Katze ist dabei aber nicht der Alleinunterhalter. Die Show besteht aus einem Quartett aus jungen Autoren und Künstlern. Fräulein Nina, Torsten Sträter und Murat Kayi sitzen gemeinsam mit Katze auf der Bühne und tragen ihre Anekdoten und Geschichten vor.

Mal nachdenklich und schwermütig, mal lustig und verrückt: Katzes Texte leben von ihrer Unterschiedlichkeit. Foto: Sophia Reimers

Mal nachdenklich und schwermütig, mal lustig und verrückt: Katzes Texte leben von ihrer Unterschiedlichkeit. Foto: Sophia Reimers

Am Anfang stand das Schreiben

Schon früh hat Tobi Katze, der mit bürgerlichem Namen Tobias Rauh heißt, das Schreiben für sich entdeckt. Seit über zehn Jahren steht er mit seinen Texten auf der Bühne. An seinen ersten Auftritt kann sich der Literat noch dunkel erinnern: „Das muss so um 1997 gewesen sein. Ich weiß noch, dass es nicht so sonderlich gut war. Ich hatte irgendeinen seltsam gestrickten Rollkragenpullover an und unfassbar lange Haare. Ich kam mir furchtbar dämlich vor und hab geschwitzt wie Sau.“

Mit der Zeit sind die Haare kürzer geworden, dafür umso verwuschelter: das Markenzeichen von Tobi Katze. Und auch im Vergleich zum seinem allerersten Auftritt hat sich einiges bei ihm geändert. Mittlerweile ist der 29-Jährige fester Bestandteil der freien Dortmunder Künstlerszene. Neben seinen Auftritten bei „Guten Tacheles“ und anderen Veranstaltungen schreibt er Artikel für Zeitungen und verkauft seine Texte. Zudem arbeitet er als Medientrainer und gibt Crashkurse im Bereich Fernsehen. Denn von der Kunst allein, so sagt er, könne er nicht leben. Und so schreibt er zurzeit noch parallel an zwei Büchern. „Ein Buch ist immer ein guter Weg, um ein bisschen zusätzlich zu verdienen“, erklärt er.

Tobi Katze weiß, als freier Künstler ist Engagement gefordert: „Man muss Leute anschreiben und sie davon überzeugen, dass sie dich auftreten lassen.“ Foto: Cathérine Wenk

Tobi Katze weiß, als freier Künstler ist Engagement gefordert: „Man muss Leute anschreiben und sie davon überzeugen, dass sie dich auftreten lassen.“ Foto: Cathérine Wenk

„Während des Studiums wusste ich überhaupt nicht, wohin das alles gehen sollte“

Vorprogrammiert war Katzes Weg zum Künstler aber nicht. Nach dem Abitur wusste er zunächst nur, dass er etwas mit Sprache machen wollte. „Ich war ganz kurz davor, Lehramt zu studieren, weil ich nicht wusste, was ich mit meinem Leben anstellen sollte.“ Nach einer Begegnung mit einem Informationsstand auf dem Dortmunder Campusfest entschied er sich schließlich, Angewandte Literatur- und Kulturwissenschaften an der TU Dortmund zu studieren. „Während des Studiums wusste ich überhaupt nicht, wohin das alles gehen sollte“, erzählt Katze, „dass Sprache und Schreiben aber eine große Rolle spielen sollten, war mir schon klar.“

Und so hat er sich zunächst einmal beruflich ausprobiert, vom Computerspielbereich bis hin zur Werbebranche, und sich schließlich für die Selbstständigkeit entschieden. „Das ist finanziell nicht immer einfach“, berichtet der 29-Jährige, „aber ich besitze momentan den Luxus, dass es so gut bei mir läuft, dass mein Jahr 2011 mit Aufträgen komplett durchfinanziert ist und ich die Gewissheit habe, dass ich nicht verhungern muss.“ Dass es aber auch Zeiten geben wird, in denen er zwar nicht verhungern, dafür aber finanziell an seine Grenzen stoßen wird, darüber ist sich Katze im Klaren. Seinen Humor verliert er dabei trotzdem nicht: „Ich bezeichne mich selbst als modernen Tagelöhner“, erzählt er mit einem Lächeln.

Als freier Künstler ist Eigeninitiative gefordert

Tobi Katze, gebürtiger Ruhrgebietler mit Liebe zur Heimat: "Es gibt hier nicht so viele dieser Möchtegern-Künstler.“ Foto: Cathérine Wenk

Tobi Katze, gebürtiger Ruhrgebietler mit Liebe zur Heimat: "Es gibt hier nicht so viele dieser Möchtegern-Künstler.“ Foto: Cathérine Wenk

Denn sich als freier Künstler in der Szene zu behaupten, ist gar nicht so einfach. „Wichtig ist es vor allem, Kontakte zuknüpfen“, erklärt Katze, dem dies über seine ersten Auftritte bei Poetry Slams gelungen ist. „Wenn die Kontakte dann erst einmal da sind, müssen sie ausgebaut und gepflegt werden.“ Und auch wenn es um potenzielle Veranstalter geht, ist viel Eigeninitiative gefragt: „Man muss Leute anschreiben und sie davon überzeugen, dass sie dich auftreten lassen.“ Denn, so Katze, Möglichkeiten gebe es immer, um in die Künstlerszene reinzurutschen, vor allem im Ruhrgebiet. Gegen die Aussage, dass hier manches vielleicht doch ein wenig provinziell wirkt, wehrt er sich entschieden. „Die Künstlerszene im Ruhrgebiet ist zwar wesentlich kleiner als beispielsweise in Berlin, dafür aber auch sehr viel vernetzter. Und es gibt nicht so viele dieser Möchtegern-Künstler.“ Von einem Möchtegern-Künstler ist Tobi Katze jedenfalls entfernt. Ob Leseshow oder Poetry-Slam, Bücher schreiben oder Workshops geben, in Katzes Arbeit steckt Herzblut. Und das lässt sich auch in seinen Text spüren.

1 Comment

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.