Warum wir unseren Senf dazu geben

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Wir benutzen sie, ohne darüber nachzudenken: Sprichwörter. Jeder kennt sie, jeder weiß, was sie bedeuten – aber kaum jemand kann sich erklären, woher sie kommen und wie sie entstanden sind. „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“ zum Beispiel. Denn mal ehrlich: Kommt das nicht ganz auf den Baum an? Und wieso benutzen wir überhaupt Apfelbäume, um zu sagen, dass zwei Menschen sich ähnlich sind? Diesem und weiteren Sprichwörtern sind wir auf den Grund gegangen.

Doch wieso ist es überhaupt nötig, sie zu erklären? Weil sie sich über die Zeit so verändert haben, dass sie heute oft kaum noch etwas mit ihrer ursprünglichen Bedeutung zu tun haben. Warum verändern Sprichwörter sich teilweise so sehr mit der Zeit, dass man nur noch ihren übertragenen Sinn kennt? Ludger Hoffmann, Professor für Angewandte Sprachwissenschaften an der TU-Dortmund, erklärt, dass sich die Sprache ständig im Wandel befindet und an gesellschaftliche Bedürfnisse angepasst wird.

Alles in Butter!
Im Mittelalter wurden Gläser in Butterfett eingegossen, um auch Alpenüberquerungen Stand zu halten. Fiel ein Glas vom Wagen, zerbrach es dank der Butter nicht. Also, wenn alles in Butter ist, dann ist alles sicher und gut.
Du hast doch nicht mehr alle Tassen im Schrank!
Die hier gemeinten Tassen stammen vom jiddischen Wort „toshia“ (=Verstand) ab. Also bedeutet „nicht mehr alle Tassen im Schrank zu haben“, seinen Verstand nicht beisammen zu haben. Heute erklären wir jemanden mit dem Sprichwort für verrückt, wenn er zum Beispiel eine unsinnige Idee hat. 

Ludger Hoffmann sieht psychologische Ursachen dafür, warum wir Sprichwörter überhaupt benutzen: „Menschen können sich mit Hilfe von Sprichwörtern auf gesellschaftlich verfügbares und nicht bestreitbares Wissen beziehen, um eine Argumentation zu verkürzen.“

Auch Holger Klatte vom Verein Deutscher Sprache meint, dass Sprichwörter Menschen helfen sich leichter auszudrücken: „Als Alternative zu ,der Apfel fällt nicht weit vom Stamm‘ müsste man aufwendig erklären, welche Eigenschaften der Großeltern auf die Kinder übertragen wurden. Wer aber das Sprichwort kennt, weiß sofort, was gemeint ist.“

Ach du meine Güte!
Früher war eines der Hauptattribute, das Gott zugeschrieben wurde, die Güte. Aus Scheu, Gott direkt anzusprechen, sprach man seine Eigenschaft in einem Ausdruck des Erstaunens und des Schreckens an. Also sagte man nicht „Ach mein Gott“, sondern „ach Du meine Güte“. Bezogen auf Gott bezeichnet die Güte eine besondere Nachsicht gegenüber dem Sünder. Macht eine Person also einen Fehler und sagt „ach Du meine Güte!“, weil er sich darüber erschrocken hat, so ruft er im altertümlichen Sinne Gott an, um Gnade zu erbitten. 
Der hat doch von Tuten und Blasen keine Ahnung!
Im späten Mittelalter gab es noch keine Alarmanlagen. Ihre Aufgabe hatten Nachtwächter, die bei Gefahr in ein Horn bliesen. Und durch Tuten in eine Tröte kündigten sie die nächtliche Sperrstunde an. Die Arbeit galt als sehr einfach. Wer also noch nicht einmal das Tuten und Blasen bewerkstelligen kann, ist sprichwörtlich zu nichts zu gebrauchen. 

Sprichwörter gab es schon, bevor es die deutsche Sprache gegeben hat. Viele Sprichwörter, die wir heute noch benutzen, stammen aus dem Lateinischen oder sind aus der Bibel überliefert. „In der Bibel findet man die ursprünglichen Versionen von ,Hochmut kommt vor dem Fall‘ und anderen bekannten Ausdrücken“, sagt Holger Klatte. Ludger Hoffmann fügt hinzu, dass die Zahl der Sprichwörter in verschiedenen Sprachen sehr unterschiedlich ist. Die türkische Sprache habe zum Beispiel sehr viele Sprichwörter, die auch in alltäglichen Gesprächssituationen häufiger genutzt werden als im Deutschen. Und auch wenn sich einige Redewendungen ähneln können, habe jede Sprache ihre eigenen Sprichwörter. 

Lass die Kirche im Dorf!
Früher zogen Prozessionen der katholischen Kirche durch das Dorf. War das Dorf zu klein für die geplante Größe der Prozession, zogen die Gläubigen (im Sprichwort: die Kirche) um das Dorf. Soll die Kirche im Dorf gelassen werden, soll man nicht übertreiben. 
Welche Laus ist Dir denn über die Leber gelaufen?
Früher wurde angenommen, dass die Leber der Sitz der Gefühle ist. Läuft eine Laus über die Leber, stört eine Kleinigkeit den Sitz der Gefühle. Heißt also: Wem eine Laus über die Leber gelaufen ist, der ist wegen einer Kleinigkeit schlecht gelaunt.  
Alter Schwede
Alte schwedische Soldaten wurden nach dem Dreißigjährigen Krieg als Ausbilder für die preußische Armee angeheuert. Sie waren so beliebt, dass man sie freundschaftlich mit „alter Schwede“ ansprach. Im Laufe der Zeit wurde der alte Schwede zum Synonym für einen ,echten‘ Mann: stark und fähig, die Soldaten zu leiten. Da Frauen aber schon damals so einen Mann vergeblich gesucht haben, wurde „Alter Schwede“ zum Ausruf des Erstaunens, wenn man mal doch so einen Traummann getroffen hatte.
Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm
Die einfache Erklärung ist wohl, dass der Apfel, der vom Baum fällt, nicht weit vom Stamm weg liegt. Diese Nähe soll im übertragenen Sinne die Ähnlichkeit zwischen Eltern und Kindern beschreiben. Aber es gibt auch einen anderen Erklärungsansatz: Bei den Germanen wurde ein männlicher, in der Neumondnacht geborener Zwilling ,Abfell‘ genannt. Sein Zwillingsbruder kam bei einer Schlacht mit einem verfeindeten Stamm ums Leben. Um die Geister zu beruhigen, bekam ,Abfell‘ alles, was er wollte (Frauen und Alkohol). Doch einen Haken hatte das Beruhigen der Geister. ,Abfell‘ musste sich nach einem Jahr vor den Mauern des Stammes umbringen. Deshalb fällt (stirbt) der Apfel (,Abfell‘) nicht weit vom Stamm.

So wie die Anzahl der Sprichwörter in verschiedenen Sprachen unterschiedlich ist, so verschieden können sie auch wirken, sagt Hoffmann : „Wenn man im Türkischen eine Entwicklung mit einem Sprichwort auf den Punkt bringen kann, hat das normalerweise eine positive Wirkung auf die Hörerschaft. Im Deutschen wird eine allzu blumige Rede kaum Eindruck machen.“ Denn wer häufig Sprichwörter benutzt, werde negativ typisiert, beispielsweise als Angeber oder Schwätzer.

Nullachtfünfzehn
Eine Erklärung geht darauf zurück, dass deutsche Soldaten im Ersten Weltkrieg mit dem Maschinengewehr 08/15 ein immer gleiches, eintöniges Training absolvieren mussten. Somit wurde 08/15 ein Ausdruck für etwas ganz Gewöhnliches, nicht Besonderes. Eine weitere Erklärung besagt, dass das Maschinengewehr selbst nichts Besonderes war und somit später andere Dinge, die „nur“ normal waren, mit dem Maschinengewehr 08/15 verglichen wurden.
Einen Kater haben
Mitte des 19. Jahrhunderts bedeutete das Wort „Kartarrh“ so viel wie Schnupfen oder Unwohlsein. Es wird vermutet, dass sich das heutige Sprichwort daraus abgeleitet hat.
Butter bei die Fische
Schmecken sollte es! Deshalb wurde zum Fisch ein Stück Butter gereicht. Damit diese aber nicht vor dem Essen schmilzt, wurde das Butterstück erst kurz vor dem Servieren der Speisen auf dem Teller platziert. Wurde also „Butter bei die Fische“ gegeben, dann musste schnell gegessen werden. Heute heißt es allgemein, dass man sich beeilen soll.

Manche Sprichwörter sind schon so stark im Sprachgebrauch verankert, dass man kaum noch ohne sie auskommen könnte (wie zum Beispiel „einen Kater haben“). Wer es versteht, Sprichwörter unauffällig in seine Sprache einzubinden, kann sich den einen oder anderen erklärenden Satz sparen. Doch Obacht! Sie sollten richtig und im passenden Moment genutzt werden. Seinen Senf dazuzugeben, will also gelernt sein.

Übrigens: Senf war im 17. Jahrhundert ein sehr wertvolles Lebensmittel. Köche servierten zu den bestellten Speisen also gerne eine kleine Portion Senf. Dies sollte ihre Attraktivität bei den Gästen steigern. Doch da Senf längst nicht mit allen Speisen harmoniert, bekam die Redensart „Senf dazugeben“ eine negative Bedeutung. Wer heute „seinen Senf dazugibt“ tut seine Meinung (die niemand hören möchte) kund. 

Beitragsbild: Wenke Wensing

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