„Publikumsbeschimpfung“ im Schauspielhaus

Ein Theaterstück ohne Bühne, ohne Requisiten, ohne Handlung. Dafür aber mit viel abgelesenem Text, Widersprüchen und Beleidigungen für das Publikum. Die Premiere von Peter Handkes „Publikumsbeleidigung“ im Dortmunder Schauspielhaus war alles andere als ein durchschnittlicher Abend im Theater.

Die Darsteller Foto: Birgit Hupfeld

Beleidigten Ihr Publikum. (Foto: Birgit Hupfeld)

„Wir sind keine Darsteller. Wir stellen nichts dar. Wir stellen nichts vor.“ Das Stück, das am Sonntagabend im Schauspielhaus Dortmund Premiere feierte, stand tatsächlich unter diesem Motto. Keine Bühne, keine Kostüme, keine Handlung. Der Titel „Publikumsbeschimpfung“ ließ schon ahnen, dass es eine Theatererfahrung der anderen Art werden würde. Dabei begann alles sehr gewöhnlich. Die Premiere war ausverkauft, das Publikum lief über den kleinen roten Teppich hinein ins Schauspielhaus. Vor der „Aufführung“ wurde sich bei einem Glas Sekt über das Bevorstehende unterhalten. Doch als der Gong den baldigen Beginn des Stückes ankündigte, lief alles  anders als gewohnt. Das Publikum wurde durch einen Hintereingang, vorbei an einem Raum voller Requisiten, in einen anderen Raum geführt. Und dort erst einmal aufgeteilt. Wer zusammen kam, wurde hier getrennt und in zwei unterschiedliche Richtungen verwiesen. Es ging hinein in einen klaustrophobisch kleinen Raum, der aus Holzplatten gebaut war. Darin eine Reihe von Tischen, bunt zusammengewürfelt aus Bierzeltgarnituren und sperrmüllverdächtigen Holztischen. Die Stühle, die ebenso schäbig aussahen, waren noch hochgestellt. Unsicherheit beim Publikum: „Sollen wir uns setzen?“ – „Das ist ja wie in der Schule.“

Los geht’s

Die Trennwand, zwischen dem bisher geteilten Publikum, lüftet sich. „Ihr seid willkommen“, sagt einer der sechs Schauspieler. Sie sitzen unter den Zuschauern, wenden sich direkt an das Publikum:  „Sie werden hier nichts sehen, von dem, was Sie hier immer gesehen haben.“ – „Das ist kein Spiel.“ – „Sie sind das Thema.“ Fortwährend verkünden die Schauspieler, was dieses Stück ist. Aber noch viel häufiger  erklären sie, was es nicht ist. Dabei verstricken sie sich in Widersprüche und spielen mit der Sprache: „Sie spielen nicht mit.“ – „Es wird Ihnen mitgespielt.“ – „Das ist ein Wortspiel.“ Sie werfen sich die Sätze zu und jonglieren mit ihnen, als wären es bunte Bälle im Zirkus und sie die Clowns. So geht es immer weiter: Negationen. Wiederholungen. Widersprüche. Bei vielen im Publikum macht sich Unglauben breit.

Die Darsteller (Foto: Birgit Hupfeld)

Die Darsteller (Foto: Birgit Hupfeld)

Einige Zuschauer sehen gelangweilt drein, manche sind fasziniert. Wieder andere rollen mit den Augen. Immer weiter sprechen, nein vielmehr lesen, die sechs Schauspieler ihre Sätze aus dem Skript, das vor ihnen liegt. Dabei kommt es einem zuweilen vor, als sezierten sie die komplette Welt des Theaters. Als wollten sie mit allen gängigen Erwartungshaltungen aufräumen. Und lassen den Zuchauer dabei ratlos zurück. Die Sätze schwirren durch die Luft, drehen sich im Kreis und scheinen nie enden zu wollen. Doch dann folgt der Satz: „Sie werden nun zurück in den Alltag gehen. Doch zuvor werden Sie beschimpft werden.“ Alle sechs stehen auf. Plötzlich schreien sie. Das zuvor noch distanzierte und höfliche „Sie“ wird zum „Ihr“: „Ihr Glotzaugen.“ – „Ihr wart sehenswert. Ihr zeugtet von hoher Spielkunst.“ – „Ihr Miststücke.“ Eigentlich positive Aussagen werden dem Publikum ironisch vor die Füße geworfen, um sie damit vor den Kopf zu stoßen. Die Schauspieler werden immer lauter – der Lärm bäumt sich auf, bis keine einzelnen Wörter mehr auszumachen sind. Das Publikum wird wieder wach, fast belustigt sehen einige aus, so lächerlich erscheint, was ihnen gerade geboten wird. Plötzlich ist Stille und die Schauspieler setzen sich. „Sie waren willkommen“, heißt es und dann setzt Musik ein: „Denkst du denn da genauso“ von den Sportfreunden Stiller erfüllt den Raum und gibt den Schauspielern genügend Zeit sich ihre Jacken anzuziehen und zu gehen. Das Lied wirkt versöhnlich, fast befreiend und erleichternd. Vereinzelter Applaus setzt ein.

Krampfhaft aufgewärmt

„Publikumsbeschimpfungen“ lässt den Zuschauer ratlos zurück. Es schockt nicht. Es begeistert nicht. Es regt nicht an. Vielmehr hinterlässt es das Gefühl von Gleichgültigkeit. Es vermittelt das Gefühl, dass hier versucht wurde, etwas aufzuwärmen, das vor über 40 Jahren einmal schockierend war. Unter der Regie von Marcus Lobbes hielten sich die Schauspieler textgetreu an die Version von Peter Handke, die 1966 in Frankfurt am Main uraufgeführt wurde. Doch einen Effekt haben die Schimpftiraden heute keinen mehr. Vielmehr wirken sie lächerlich und verkrampft. Das Publikum reagiert nicht geschockt oder beleidigt, denn es wusste, was hier zu erwarten war. Dass die nächste Aufführung erst am 14. November stattfindet, zeigt auch, dass dieses, damals doch sehr innovative Sprechstück, heute keinen mehr vom wackeligen Holzstuhl reißt.

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