Die etwas anderen Fans von der grünen Insel

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Bunt, lautstark und mit einer großen Portion Humor ausgestattet: Vor allem die Fans aus Irland faszinierten die Zuschauer im Stadion und vor den Bildschirmen mit ihren Auftritten bei der Fußball-Europameisterschaft. Gänsehaut-Stimmung. Die Fankultur ist eine ganz besondere und eng mit der Historie des Landes verknüpft.

Fußball-EM, Achtelfinale, Lyon: Ganz Irland hoffte auf einen Erfolg gegen den großen Favoriten Frankreich. Am Ende mussten sich die tapfer kämpfenden „Boys in Green“ trotz 1:0-Führung mit 1:2 geschlagen geben. Nach Abpfiff versammelte sich die Mannschaft vor der Kurve, um aus den Kehlen der mitgereisten Ir*innen das Volkslied „Fields of Athenry“ zu hören. Im Song geht es um die große Hungersnot, die Irland im 19. Jahrhundert heimsuchte und über einer Million Menschen das Leben kostete.

Der Text in der deutschen Übersetzung

An einer einsamen Kerkermauer
Hört‘ ich ein Mädchen klagend rufen:
Michael, sie brachten dich fort,
denn du stahlst Trevelyns Korn,
So kann unser Junge weiter leben.
Nun wartet ein Gefangenenschiff in der Bucht.

Tief liegen die Felder von Athenry,
Wo einst wir die freien Vögel fliegen sahen.
Unsere Liebe trug uns auf Flügeln,
Wir hatten Träume und Lieder.
Es ist so einsam auf den Feldern von Athenry.

An einer einsamen Kerkermauer
Hört‘ einen jungen Mann ich rufen:
Es macht nichts, Mary, solange du frei bist.
Gegen den Hunger und gegen die Krone
Erhob ich mich, sie setzten mich fest;
Nun zieh du unser Kind auf in Würde.

Tief liegen die Felder von Athenry,
Wo einst wir die freien Vögel fliegen sahen.
Unsere Liebe trug uns auf Flügeln,
Wir hatten Träume und Lieder.
Es ist so einsam auf den Feldern von Athenry.

An einer einsamen Hafenmauer
Sah den letzten Stern sie sinken,
Als das Gefangenenschiff auslief zum Horizont.
Sie lebte fortan zwischen Hoffen und Beten
Für ihre Liebe in Botany Bay.

Tief liegen die Felder von Athenry,
Wo einst wir die freien Vögel fliegen sahen.
Unsere Liebe trug uns auf Flügeln,
Wir hatten Träume und Lieder.
Es ist so einsam auf den Feldern von Athenry.

Quelle: songtexte.com

Es war nicht das erste Mal, dass die irischen Fans damit viel Aufmerksamkeit bekamen. In den letzten Minuten des EM-Spiels gegen Spanien, das Irland 2012 mit 0:4 verloren hatte, sorgten sie bei den Zuschauern für Gänsehaut. Kommentator Tom Bartels schwieg am ARD-Mikrofon und erhielt dafür sogar einen Preis der Uefa.

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Cyprian Piskurek. Foto: Christian Woop.

Der Song spielt nicht nur in der Fankultur eine wichtige Rolle. In der irischen Landeskultur ist das Thema Emigration nach wie vor ziemlich zentral. Dies ist historisch bedingt, wie Cyprian Piskurek vom Institut für Anglistik und Amerikanistik der TU Dortmund erklärt. „Der Mythos, dass vor 150 Jahren Millionen von Menschen das Land verlassen mussten, ist stark in die Irishness eingewoben“, so Piskurek, der unter anderem zur britischen Fankultur forscht. Millionen Menschen haben irische Vorfahren, leben im Zuge der „Irish diaspora“ aber mittlerweile in der ganzen Welt verteilt. Die irische Nationalmannschaft hat deshalb eine ganz besondere Bedeutung, weil sie eben die Identität vereint. „Wenn man sich irisch fühlt, aber keine territoriale Beziehung zum Mutterland hat, sucht man natürlich nach solchen Symbolen“, erklärt der TU-Wissenschaftler. Große Fußballturniere bieten dafür die Gelegenheit, da die Menschen irischer Abstammung vor Ort zusammen kommen. „Die Fanszene ist dort eine Mischung aus denen, die wirklich in Irland leben und der Diaspora. Sie bauen sich eine temporäre Gemeinschaft.“

Club, not country

Ein weiterer Grund für die hervorgehobene Rolle der Nationalelf sei, dass der nationale Fußball nicht konkurrenzfähig ist. „In fast allen Ländern gibt es einen starken Konflikt zwischen der Klub- und der Nationalmannschaftskultur. Hier hört man natürlich oft: Warum soll ich diese Mannschaft feiern, wenn ich vier Wochen vorher und sechs Wochen später vielleicht sogar allen elf Spielern nichts Gutes wünsche, weil eben niemand aus meinem Verein dabei ist. Diese Gräben gibt es bei den Iren eben nicht so wirklich.“ Im Vergleich zu Mitteleuropa, haben sich auf den Britischen Insel nur äußerst vereinzelt Ultra-Gruppen entwickelt. Ähnlich sehen auch die Strukturen in Wales, Schottland oder Nordirland aus, was einen gesellschafts-historischen Hintergrund hat, sagt der Fanforscher.

Abgrenzung gegenüber den Engländer*innen

Die Fanszenen waren auf den Britischen Inseln in den 70er- und 80er-Jahren von Gewalt geprägt. „In den nicht-englischen Kulturen hat dann eine Art Selbstreinigungsprozess eingesetzt. Man wollte sich bewusst von der englischen Fankultur durch ein fröhliches Rowdytum absetzen. Über die Jahre funktioniert das wie ein Code. An diese Verhaltensregeln muss man sich nun halten“, sagt er. „In der Fankultur sah man die Chance, sich moralisch über den großen Nachbarn England zu erheben.“ Das hat auch schnell gefruchtet. In den 1990er-Jahren erhielten die schottischen Fans einen Fairplay-Preis der Uefa für ihr Verhalten bei der Europameisterschaft.

Mit grünen Hüten, orangenen Bärten, lauten Gesängen und ihrer gefühlt permanenten Suche nach dem Goldtopf sorgen die Ir*innen seit etlichen Jahren für Wiedererkennungswert. Sie spielen mit landestypischen Symbolen – ähnlich wie die Isländer*innen mit der Wikinger-Kultur. In Zeiten von Facebook, Twitter und Instagram bleibt das natürlich nicht lange unbemerkt.

Es sind genau die Bilder, die die Uefa sehen will – und propagiert das auch über die eigenen Medienkanäle. Cyprian Piskurek sieht das kritisch: „ Es gibt Stimmen, die hinterfragen, wie authentisch das dann noch ist, wenn man mittlerweile weiß, dass jederzeit Handy-Kameras auf mich gerichtet sind und alles, was ich mache, Klicks generiert.“ Dennoch spricht er von einer „Rückkehr zur spontanen Fankultur“, die man bei dieser Europameisterschaft erkennen könne. Die Deutschen fasziniert das. „In Deutschland schauen viele ein bisschen neidisch nach Irland oder Island, wenn hier der offizielle Nationalmannschafts-Fanclub sogar im Titel den Sponsoren-Namen Coca Cola trägt und dermaßen von oben aufoktroyiert wird“, so Piskurek. Die Zuschauer warten auf Momente wie „Fields of Athenry.“ Seien wir ehrlich: Die Spiele der irischen Nationalmannschaft schaut kaum einer wegen der fußballerischen Qualität.

Beitragsbild: flickr.com/Paul Jones

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