„Einfach phänomenal“: Duisburg fährt nach Berlin

„Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin“, ertönte es am Dienstagabend in der MSV-Arena in Duisburg. Um zwanzig nach zehn kam der erlösende Abpfiff für die 31.500 MSV Fans in der ausverkauften Arena: Die Zebras stehen nach einem 2:1-Sieg gegen den Zweitligakonkurrenten Energie Cottbus im Finale des DFB-Pokals. Zum ersten Mal seit 13 Jahren. Die Euphorie in der Stadt ist riesig und alle feiern ihren Verein. Vor der Saison sah es gar nicht danach aus.

Foto: Nadia Hapke

Pils und Stadionwurst: Die MSV-Fans ließen es sich gut gehen. Foto: Nadia Hapke, Teaserbild: pixelio.de / Lars Paege

Es ist viertel nach sechs. In fünfzehn Minuten werden die Stadiontore geöffnet. Vor den Eingängen haben sich schon lange Schlangen gebildet. „Ich bin so aufgeregt. Ich konnte heute kaum etwas essen“, sagt ein Fan in voller Montur zu seinem Kumpel. Mindestens vier weiß-blaue Schals hängen um seine Hüfte und er trägt ein MSV-Trikot. So stellt man sich den typischen Fan vor, der zu jedem Spiel seines Vereins fährt, egal ob zuhause oder auswärts.

Die anderen in der Schlange wirken auch nicht so gelassen wie sonst, sie lachen und unterhalten sich über das Spiel, einige träumen schon von Europa. „Wenn wir heute gewinnen und im Finale gegen Bayern spielen, dann sind wir in der nächsten Saison sicher in der Europa League“, sagt ein Vater zu seiner Tochter. „Wenn die Bayern sich in der Liga für die Champions League qualifizieren, müssen wir das Finale noch nicht einmal gewinnen, um international spielen zu können“, sagt er und strahlt.

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Daniel hatte nicht besonders viel Hunger - er wartete bloß auf seine Freunde. Foto: Nadia Hapke

„Heute ist alles noch eine Spur wichtiger“

Endlich ist es halb sieben: die Fans strömen ins Stadion. Jeder will der erste sein, um den besten Platz auf der Nordtribüne zu bekommen. Innerhalb von fünfzehn Minuten ist der komplette Stehplatzbereich ausgefüllt. Wer jetzt noch kommt, muss sich durchkämpfen, um das Spielfeld sehen zu können. Auch die Sitzplätze füllen sich langsam. Schnell werden noch die obligatorischen Bratwürste gegessen und dann geht es sofort auf die Tribüne.

Der 25-jährige Daniel wartet mit drei Würstchen in der Hand auf seine Freunde, die gerade in der Getränkeschlange stehen: „Eigentlich ist jedes Spiel des MSV besonders, aber heute ist alles noch mal eine Spur wichtiger und toller. Die Euphorie in der Stadt ist riesengroß und ich freu mich, dass das Stadion endlich wieder ausverkauft ist“, sagt er und hält nach seinen Freunden Ausschau, die immer noch auf ihr Bier warten.

Es ist Ausnahmezustand in der Arena. Das letzte Mal, dass das Stadion ausverkauft war, ist drei Jahre her. Damals spielte der MSV noch in der ersten Liga gegen Bayern München. Seitdem ist viel passiert. 2007/2008 stiegen die Zebras ab. In den letzten beiden Jahren hatten die Fans nicht so viel zu feiern. Die Mannschaft spielte zwar immer in der oberen Tabellenhälfte mit, aber die spielerische Leistung war doch eher durchwachsen.

Erfrischender Offensivfußball statt Abstiegskampf

Vor dieser Saison gab es einen Umbruch im Verein und in der Mannschaft. Aufgrund finanzieller Probleme und Auflagen der Deutschen Fußball-Liga musste Geld eingespart werden. Junge Talente wurden verpflichtet, die noch keinen Namen in der Fußballwelt hatten und somit wenig kosteten. Die Fans beobachteten diese Entwicklung mit gemischten Gefühlen. Die meisten rechneten mit Abstiegskampf pur. Stattdessen überraschte der MSV mit erfrischendem und schönem Offensivfußball.

Die jungen Wilden, die Trainer Milan Sasic entdeckt und aufgebaut hatte, entpuppten sich als Kämpfer, die mit viel Herzblut für ihren Verein rackerten und rannten. Plötzlich war nicht mehr vom Abstiegkampf die Rede, sondern vom möglichen Aufstieg. Junge Spieler wie der vom BVB ausgeliehene Julian Koch oder der quirlige Olcay Sahan entwickelten sich zu Führungsspielern und stehen für Siegeswillen und Kampf, wie die Fans ihn seit Jahren nicht mehr in dieser Art gesehen haben.

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Die Euphorie ins Gesicht geschrieben: Zebra-Anhänger Hans Peter. Foto: Nadia Hapke

Schon Tage vor dem „großen Spiel“ gab es in der Stadt kaum ein anderes Thema. Die Euphorie ist auch auf den 53-jährigen Hans Peter übergesprungen: „In den letzten Tagen wurde das Fieber immer größer. Heute ist es endlich soweit und wir hoffen alle, dass der MSV mal wieder ins Finale einzieht.“ Hans Peter ist froh, dass er Karten für die Partie bekommen hat. Im Handumdrehen war das Stadion ausverkauft. Stehplatzkarten im Wert von neun Euro wurden im Internet für 76 weiterverkauft.

Für MSV-Fans lohnte sich der Kauf. Die Stimmung im Stadion war einzigartig. Uwe aus Moers war nach dem Spiel begeistert: „Die Mannschaftsleistung war super, sie haben gekämpft wie die Löwen. Die Stimmung im Stadion war einfach unbeschreiblich, das habe ich seit Jahren nicht mehr erlebt, einfach phänomenal. Die Mannschaft hat es verdient, ins Finale zu kommen, auch wenn sie am Ende Glück gehabt hat.“

Letztes MSV-Pokalfinale vor 13 Jahren

Die Mannschaft feierte noch lange nach dem Spiel mit ihren Fans. Vor der Nordkurve wurde getanzt und gesungen. Von den Rängen ertönte immer wieder „Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin“. Die obligatorische Bierdusche für den Trainer und den Torschützen Maierhofer während der Fernsehinterviews durften natürlich auch nicht fehlen.

Duisburg feierte, als sei es bereits Pokalsieger. Der Wunschgegner für das Finale ist für die meisten Fans der FC Bayern München. Mit dem hat der MSV noch eine Rechnung offen. Im letzten Pokalfinale mit Duisburger Beteiligung 1998 führten die Zebras zur Pause verdient mit 1:0 durch einen Treffer von Bachirou Salou.

Foto: Nadia Hapke

Volles Haus: Die Duisburger Nordkurve in der MSV-Arena. Foto: Nadia Hapke

Dieser war der beste Mann auf dem Platz, bis er von Michael Tarnat derbe gefoult wurde und verletzt ausgewechselt werden musste. Danach drehten die Bayern das Spiel und gewannen mit 2:1. Auch die beiden anderen Finalteilnahmen 1966 und 1975 konnte der MSV nicht für sich entscheiden. Vielleicht wird es ja am 21. Mai was mit dem ersten Pokaltitel in der Vereinsgeschichte. Egal, ob es gegen die Bayern oder gegen Schalke geht. Und selbst wenn der MSV nicht gewinnt – für die Fans ist das Jahr 2011 schon jetzt ein ganz Besonderes.

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