Turbo-Abi? Ihr habt’s verbockt!

Foto: Lead Beyond bei Flickr. Lizensiert nach Creative Commons 2.0 Generic.

In den vergangenen drei Jahren wurden Tausende Schüler zu Versuchskaninchen degradiert. G8-Abitur, mal schauen, wie die das hinbekommen. Das Ergebnis: Ein Jahr weniger Schule, dafür sehr viel mehr Stress. Eine Initiative startet jetzt eine Unterschriftensammlung und will das G9-Abi zurück – aber so weit hätte es nie kommen dürfen. Ein Kommentar.

„Genieß deine Schulzeit, so entspannt wird dein Leben nie wieder.“ Diesen Spruch musste ich mir von meinen Eltern, Großeltern und eigentlich jedem über 30 ständig anhören, als ich noch zur Schule ging. So ganz verstanden hab ich das leider nie: Spätestens in der Oberstufe hätte ein „entspanntes Leben“ wirklich anders ausgesehen. Und wem verdanken wir diesen chronischen Stress? G8, dem Schule-im-Schnelldurchlauf-System.

Sitzenbleiben, das „Do-it-yourself-G9“

Wenn du als Schüler nach 9 Stunden Schule verzweifelt über deinen Hausaufgaben saßt und eigentlich noch für einen Test lernen und ein Referat vorbereiten musstest, kam von irgendwo eine Stimme, die dir motivierend zuflüsterte: „Hey, dafür hast du am Ende ein Jahr weniger Schule.“ Schön wär’s. Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung hat ergeben, dass sich seit der Umstellung auf G8 die Wiederholerquote um ein Fünftel erhöht hat. Das ist dann wohl das „Do-it-yourself-G9“.

Die, die sich durchkämpfen, haben kaum noch Freizeit. Sie sitzen nach der ohnehin schon langen Schule noch ewig an den Hausaufgaben und haben nur am Wochenende Zeit für andere Dinge. Neunmalkluge Sprüche wie „Da muss man sich eben mal zusammenreißen“ oder „Nach dem Abi hast du noch genug Zeit für deine Hobbies“ kann man dann auch irgendwann nicht mehr ertragen.

Turbo-Abi = Mangel-Abi

Hinzu kommt: Ein Jahr weniger Schule macht sich auch an den Leistungen bemerkbar. Klar, der Stoff wird nicht ausgelassen, er wird irgendwo dazwischen geschoben. Aber heißt das auch, dass dieses reingeprügelte Zeug hängen bleibt? Wohl kaum! Das zeigt auch eine Studie der Uni Tübingen.

Ich habe es selbst erlebt: Abiturklausur, Englisch Leistungskurs. Wir hatten die Auswahl zwischen zwei Texten. Blöd nur, dass einer von ihnen ein Gedicht war und wir aus Zeitmangel so gut wie gar nicht über Gedichte gesprochen haben. Die Konsequenz: Niemand konnte die zweite Klausur schreiben. Damit war es mit der Auswahl nicht mehr weit her.

Unterschriften sollen’s richten – schade

Nach drei Turbo-Abi-Durchgängen soll das Ganze jetzt wieder verworfen werden. Eltern merken, dass das Ganze nichts bringt und ihr Kinder nur belastet, die Initiative „G9-jetzt“ legt in jeder Kommune Unterschriften Listen für eine Rückkehr zum Abitur nach neun Jahren aus. Aber Unterschriften sollen es jetzt ernsthaft richten?

Gut, das ist sehr demokratisch. Ein Wert, an dem wir derzeit ohnehin versuchen, festzuhalten. Aber ich glaube, das bringt nichts. Jetzt mal ehrlich: Die Menschen sind faul. Eine Unterschrift erfordert Bewegung. Die, die unter G8 gelitten haben, können das mit einer Unterschrift auch nicht wieder rückgängig machen – und ein paar besorgte Mütter werden wohl kaum mehr als eine Million Unterschriften zusammen bekommen. Ich finde, diese Suppe sollten die auslöffeln, die sie auch geköchelt haben: unsere Politiker.

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