Tourismuskontinent Europa: Vielfalt, Sicherheit, Reisefreiheit

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Wenn wir an die EU denken, dann ist einer der größten Vorteile die Reisefreiheit durch das Schengenabkommen. Was dieses Abkommen für den Tourismus der EU bedeutet, dieser Frage ist pflichtlekteure-Reporter Tobias Schulte nachgegangen. Als Gesprächspartner hat er Prof. Dr. Bernd Schabbing, der Leiter des Studiengangs B.A. Tourism & Event Management an der International School of Management in Dortmund, gefunden.

Was kennzeichnet Europa als Tourismuskontinent?

Europa ist durch seine Vielfalt geprägt. Es gibt viele Möglichkeiten Badeurlaub zu machen, tolle Wander- und Skigebiete und viele kulturell geprägte Städte. Außerdem profitierte der europäische Tourismus bisher von der Sicherheit innerhalb der Länder. In den letzten Jahren sind touristische Konkurrenten in Nordafrika, wie Ägypten, aufgrund der unsicheren politischen Lage weggebrochen. Wenn dort alle paar Monate etwas passiert, dann wird es im Hinterkopf als Krisenregion abgespeichert.

Wir erleben Europa als Kontinent der freien Grenzen. Wie profitiert der Tourismus davon?

Europa wird durch seine offenen Grenzen für internationale und europäische Reisende erst so spannend. Ein klassisches Beispiel ist, dass Asiaten Fünftagestouren in Europa machen: Schloss Neuschwanstein, München, Berlin, Paris und Rom. Sie wollen die europäischen Topthemen in kurzer Zeit bereisen und unsere „tolle alte Geschichte“ kennenlernen. Das geht nur ohne Grenzkontrollen und Reisehemnisse. Auch der innereuropäische Tourismus würde ohne das Schengenabkommen zurückgehen.

Wie würde sich das zeigen?

Man merkt, dass Sicherheitskontrollen und Datenabchecken die Menschen vom Reisen abschreckt – denn Fernreisen in die USA boomen nicht. Wenn ich bei Flügen innerhalb von Europa genauso lange kontrolliert würde, wie ich fliege, dann lohnt sich der zeitliche Aufwand nicht mehr. Außerdem denkt man unterbewusst: Wenn ein Land so intensiv kontrolliert, dann gibt es dort auch ein Sicherheitsproblem. Man wird also selber skeptischer überhaupt zu reisen.

Wenn wir also nach den Anschlägen in Europa der letzten Monate Sicherheitskontrollen noch mehr verstärken, bleiben die Europäer dann mehr in ihren Heimatländern?

Sie würden erst einmal sensibel reagieren. Nach 9/11 gab es beispielsweise einen Knick bei den Reisen in die USA. Danach waren die Zahlen aber relativ stabil. Bis heute sind wir Deutschen Reiseweltmeister – von den 80 Millionen Bürgern verreisen durchschnittlich 50 bis 60 Millionen im Jahr. Fast zwei Drittel der Deutschen reisen auch ins Ausland – wir sind also cooler als man denkt.

Warum reisen wir Deutschen denn so viel?

Einerseits, weil es in Deutschland eine breite Mittelschicht gibt. Es können sich viele leisten, zu verreisen. Dazu kommt, dass den Deutschen der Urlaub sehr wichtig ist – es hat nach Kleidung die zweithöchste Priorität im Alltag. Wir denken: Mein Urlaub gehört mir.

Sie haben zwei Faktoren für das Reisen genannt. Gibt es Tendenzen, die Bewohner welcher europäischen Länder besonders oft ins Ausland fahren?

Bewohner von Regionen, die isoliert liegen, sind meist recht reisefreudig ins Ausland. Dazu zählen beispielsweise Skandinavien, die Niederlanden oder Luxemburg. Es sind Länder, die räumlich und kulturell recht einheitlich sind – deshalb wollen die Bewohner einfach mal raus und was anderes sehen. Genau andersherum ist es beispielsweise in Spanien. Die Spanier müssen nicht so viel ins Ausland reisen, weil sie das Mittelmeer selber haben. Außerdem sind sie sehr gesellige Typen und bleiben auch gerne mal zu Hause. In osteuropäischen Ländern gibt es oftmals keine breite Mittelschicht, weswegen sich nur wenige Menschen eine Auslandsreise leisten können.

Shopping Mall

Das Kaufhaus Alexa in Berlin. Bild: CC flickr.com/K.H. Reichert

Ergeben sich dadurch Reiseströme?

Es lassen sich in der Tat einige Reiseströme erkennen, zum Beispiel von Skandinavien über Frankfurt am Main oder München in die Mittelmeerländer. Ein anderes Beispiel ist ein starker Reisestrom von Russland und Polen nach Berlin. Für die Russen und Polen ist Berlin so spannend, weil es von ihrer Heimat aus die nächste Stadt ist, in der sie gut shoppen können. Generell haben Reisende aber keine besonderen Länder, sondern eine Urlaubsform, ein Kernbedürfnis, im Kopf. Dann zählt, wo ich das Kernbedürfnis relativ zum Preis am besten finde.

Reisen kostet Geld und ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Gibt es europäische Länder, die wirtschaftlich vom Tourismus abhängig sind?

Ja, vor allen Dingen die Mittelmeerländer. Speziell Spanien, Italien oder Kroatien sind vom Tourismus abhängig. Dort steckt aber auch Potenzial: die geografischen Voraussetzungen und die Mentalität der Bewohner passen zum Tourismus.

Wieso?

Tourismus ist ein Dienstleistungsgeschäft – Gastfreundschaft und Offenheit spielen eine wichtige Rolle, wenn sich die Gäste wohlfühlen sollen. Dabei gibt es eine Wechselwirkung: Gastfreundschaft wird auch von dem Bewusstsein geprägt, vom Tourismus abhängig zu sein.

Als wie gastfreundlich werden wir Deutschen gesehen?

Gastfreundschaft ist wie gesagt eine Dienstleistung. Das besteht aus „dienen“ und „leisten“ – und das machen die Deutschen von Region zu Region unterschiedlich gerne. Das Ruhrgebiet ist für seine Weltoffenheit und den lockeren Umgang miteinander bekannt. In den neuen Bundesländern und Bayern steht Weltoffenheit nicht an erster Stelle – teilweise gepaart mit Ausländerfeindlichkeit. Generell hat sich das Standing von Deutschland seit der WM 2006 stark verbessert. Die Welt konnte sehen, dass wir Deutschen nicht mehr gefährlich, sondern gastfreundlich und gut gelaunt sind. Dadurch hat der deutsche Tourismussektor ein relevantes Wachstum erfahren.

Teaser- und Beitragsbild: Tobias Schulte

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