Nordstadt: Heimat 132

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Am Wochenende startete die neue Ausstellung zu Peyman Azharis Bildband „Heimat 132“ in den Städtischen Kliniken. Der deutsch-iranische Fotograf hat ein Jahr lang Menschen aus der Dortmunder Nordstadt mit der Kamera portraitiert. Mit der Sprache der Bilder möchte er die Geschichten hinter den Menschen erzählen – und Vorurteile aus dem Weg schaffen.

 

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Peyman Azhari fotografierte ein Jahr lang Menschen aus der Nordstadt. Der Dortmunder Fotograf kam mit vier Jahren nach Deutschland.

Peyman Azharis Blick folgt der jungen Dame, die durch das Krankenhaus-Foyer läuft. Direkt auf die Fotografie zu, die an der weißen Wand hängt. Sie streckt die Hand aus und berührt das Gesicht, das ihr vom Foto entgegenblickt. Fragt sie sich gerade was der Mann auf dem Foto denkt, wie seine Stimme klingt oder wie er riecht?

„Sie fassen es alle an, als wollten sie die Menschen fühlen, die auf den Fotos sind“, sagt Azhari, während er die Augen nicht von der Begegnung zwischen Mensch und Foto lassen kann. „Sie bleiben stehen und schauen es sich an. Es ist irgendwie magnetisch. Und das heutzutage, wo es so schwer ist, die Aufmerksamkeit der Leute zu bekommen.“ In den letzten drei Tagen ist er immer wieder in diese große Halle gekommen, immer wieder hat er sich auf die Sessel in der Mitte des Raums gesetzt und beobachtet, wie die verschiedenen Menschen vorbeiliefen, stehenblieben, schauten, fühlten.

Für Azhari war von Beginn an klar: Um authentische Fotos zu machen, muss er auf die Menschen zugehen. Fotos: Peyman Azhari, Verlag GHOST PRESS

Fotos müssen Menschen berühren.

Für den jungen Fotografen die größte Bestätigung: sehen, wie die eigenen Fotos berühren. Und wenn etwas berührt, dann ist es das Thema Heimat. „Heimat 132“ ist das jüngste Fotoprojekt des Dreißigjährigen. 132 Nationen leben in der Dortmunder Nordstadt, Menschen aus 43 dieser Nationen hat er für die Ausstellung in der Klinik und für den Bildband abgelichtet. Portraits, Momentaufnahmen. Scheinbare Nichtigkeiten von stiller Größe.

Warum gerade die Nordstadt? Weil sie bunt ist, rau, abenteuerlich, weil den Fotografen dort die Bilder anspringen? Nicht nur. „Weil etwas gefehlt hat: die Geschichte der Menschen selbst“, meint Azhari. „Wenn man Dortmund googelt, sieht man Fotos vom BVB, vom Florianturm, von der sauberen Fußgängerzone. Wenn man Dortmund Nordstadt googelt, stößt man auf Kriminalität, Prostitution, Ausländer, Dreck. Die Dortmunder haben zwei einseitige Kollektivgedächtnisse.“

Du kannst die Grenze sehen.

Das machte den jungen Fotografen nachdenklich. Seine eigene Familie musste während des Golfkriegs die iranische Heimat verlassen, da war er vier Jahre alt. Er weiß um den Wert von Heimat, um die Strapazen der Flucht. Immer wieder muss Azhari an die Bilder von überfüllten Booten denken, die im Mittelmeer gegen eine unsichtbare Grenzmauer branden. Und er stellt fest, dass auch mitten in Europa, mitten in der eigenen Stadt eine solche unsichtbare Grenze existiert. Unsichtbar? Nicht mal das ist sie immer. „Du kannst die Grenze zur Nordstadt sehen, wenn du unter einer der Bahnbrücken hindurchfährst, sie ist eine harte Linie. Du kannst durchlaufen.“ Die Grenzposten, das sind hier keine Türme, kein Stacheldraht, keine Wachsoldaten. Es sind die Mieten, die Jobaussichten, die Armut und der versteckte Rassismus südlich des Walls. Das alles hält die Menschen in der Nordstadt fest.

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Der Libanese Bilal nennt Deutschland seine neue Heimat. Trotzdem traf er hier immer wieder auf Diskriminierung und Intoleranz.

„Allein ein ausländischer Name kann dich in die Nordstadt drängen.“ Azhari zeigt das Foto von Bilal. Als der gebürtige Libanese eine neue Wohnung im Kreuzviertel suchte, kam er sehr schnell an die Toleranzgrenze unserer fortschrittlichen Gesellschaft. Egal, auf welches neue Inserat er sich meldete – sobald er seinen Namen sagte, war die Wohnung plötzlich vergeben. Eine Vermieterin lüftete das „Mysterium“ schließlich und sprach Klartext: „Bei uns im Süden werden Sie keine Wohnung finden“, sagte sie Bilal am Telefon, „Leute wie sie fühlen sich in der Nordstadt wohl. Versuchen Sie es dort.“

Ich wollte die Menschen verstehen.

Diese Probleme waren der Anfang von „Heimat 132“. Die Idee für das Projekt setzte langsam ein, kam auf, wie ein Gefühl. „Wie ein Windhauch, formlos, aber doch da.“ Drei Monate lang lief Azhari kreuz und quer durch die Nordstadt, beobachtete, versuchte zu verstehen. Dann stand fest: er wollte die vielen Heimaten in der Nordstadt festhalten, konservieren. Unterstützer fand Azhari schnell: die Stadt Dortmund, die Auslandsgesellschaft Deutschland und viele Privatleute.

Aber wo sollte der Fotograf anfangen? Er konnte die Menschen, deren Geschichte er erzählen wollte, nicht nur beobachten. Er musste auf sie zugehen, mit ihnen reden und in ihr Privatleben eintauchen. Ein schwieriges Unterfangen: „Das Zuhause von Leuten, ihre Vergangenheit, ihre Heimat sind das Intimste, was sie haben. Und dann kommt jemand auf dich zu und will all das fotografieren.“ Ein ganzes Jahr lang brauchte Azhari, um alle Portraits zu sammeln. Er sprach Leute auf der Straße an, verteilte Flyer. Am Anfang waren viele Menschen skeptisch, Azhari war ein Fremder in der Nordstadt. Am Ende des Jahres nannten ihn die Leute „Bruder“.

Erinnerungsfotos sind immer alt.

Für den jungen Fotografen war von Anfang an klar, dass er sein Projekt mit analogen Fotos umsetzen wollte. „Analoge Fotografie hat etwas Authentisches, etwas Altes. Wie die Heimat, die für die meisten Menschen in der Vergangenheit liegt. Erinnerungsfotos sind immer alt.“ So, wie die wenigen Erinnerungsfotos, die Alireza aus dem Iran mitbrachte. Auf einem Bild sieht man, wie Alireza sie vor der Kamera zeigt. Aber auch das analoge Fotografieren hatte seine Tücken. „Ich hatte nur 50 Filme, das heißt ich konnte pro Person nur wenige Fotos machen. Ich konnte mein Ergebnis erst sehen, wenn die Fotos entwickelt waren. Der Moment musste stimmen.“

 


Heimat 132: Diese interaktive Karte zeigt die Nationen der Nordstadt auf einen Blick.

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Carlos aus Portugal ist stolz auf die Fotos von ihm. Zur Ausstellungseröffnung lud er sogar seine Eltern nach Deutschland ein.

Und was folgt auf das Fotografieren? Azharis Pariser Kollege Ali Ekber Celik konzipierte als Art Director die Umsetzung, das Design des Fotobuchs. „Die Fotos sind nur ein kleiner Teil des Projekts. Alles andere musste genau durchdacht werden“, erklärt Azhari.  Die Schrift, die von einer Berliner Gruppe entworfen wurde, bekam einen tiefen Blauton. Blau ist authentisch, wie die Tinte eines Füllers. Und blau ist die Farbe des Meeres, über das viele Menschen flüchten – und ihre Heimat hinter sich lassen. Ein Buch, das Vorurteile bekämpfen soll, durfte keinen Einband mit einer vorbelasteten Farbe haben. Kein BVB-Gelb, kein Schalke-Blau. Ein erdiges Orange wurde für den Einband entworfen, denn „Heimat, das ist auch ein Stück Erde“. Die Namen der fotografierten Menschen auf dem Einband wurden geprägt. Man soll die Menschen auch „fühlen können“. Und die Schrift bekam überall dieselbe Größe. Azharis Name erschien auf dem Titel nicht größer, als die der anderen Mitwirkenden. „Ganz kommunistisch, alle haben ihren gleichen Teil zum Projekt beigetragen.“

Die Fotos sind ein kleiner Teil.

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Bilder aus dem Alltag: Ömer aus der Türkei wurde von Azhari in seinem Laden verewigt.

Wo stellt man die Fotos aus, wenn das Buch fertig ist? In einer Galerie? „In den Städtischen Kliniken. Das Krankenhaus war auch einer der Unterstützer des Projekts. Und es ergab sich, dass das Foyer des Krankenhauses nicht nur die erstbeste Location für die Ausstellung war, sondern sogar die beste“, meint Azhari. Denn das Krankenhaus ist ein wenig, wie die Nordstadt. Leute haben Angst davor. Aber letztendlich treffen dort alle möglichen Menschen, Kulturen, Bildungsschichten aufeinander. „Schau dir die Beiden an!“ Azhari zeigt begeistert auf zwei Jugendliche in Jogginghosen und mit lässigen Basecaps. Sie stehen vor einem der ausgehängten Fotos und unterhalten sich. „Die wären niemals in eine schicke Galerie gegangen. Nur hier erreiche ich alle Menschen.“ Azhari will mit seiner Ausstellung nicht nur eine Kultur-Elite erreichen. Er möchte nicht wieder isolieren, mit einem Projekt über ein isoliertes Stadtviertel. Er will eine breite Resonanz. Carlos aus Portugal war so stolz auf sein Foto, dass er für die Eröffnung der Ausstellung extra seine Eltern nach Dortmund einfliegen ließ. Hier ist er eine kleine Berühmtheit. Weil ihn hier jeder sehen kann und nicht nur Kunstfreunde.

Vielfalt ist abstrakt.

„Vielfalt ist ein so abstraktes und oft missbrauchtes Wort. Deshalb heißt das Projekt Heimat 132. Eine Zahl kann man sich konkret vorstellen.“ Azhari will, dass Leute hinterfragen, sich tatsächlich mit Vielfalt beschäftigen und mit den Geschichten der Menschen. In einer Gesellschaft, die scheinbar so liberal und offen ist. Und in der trotzdem von „den Asiaten und den Afrikanern“ gesprochen wird. Azhari will die Isolation der Nordstadt durchbrechen. Und mit welcher Sprache geht das besser als mit der universellen Sprache der Bilder? „Schau, da!“ Wieder zeigt Azhari auf eine Gruppe von Menschen, die stehen bleibt und sich ein Foto anschaut. Ömer aus der Türkei. Sie berühren sein Foto.

 

Heimat 132
Bildband
Fotografie und Text: Peyman Azhari
Art Direktion und Design: Ali Ekber Çelik
Assistenz der Art Direktion: Adèle Lansac 
Produktion: Oliver Hitzegrad
Verlag: GHOST PRESS, Dortmund

Ausstellung
Dauer: 31.01.2015 – 30.04.2015
Ort: Klinikum Dortmund Beurhausstraße 40, 44137 Dortmund

 

 

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