Zwischen Wissenschaft und Glauben

Fotos/Montage: Marc Patzwald

Fotos/Montage: Marc Patzwald

Der Wissenschaftsredakteur Ulrich Schnabel interessiert sich besonders für Glaubens- und Bewusstseinsforschung. Er ist unter anderem Autor von „Die Vermessung des Glaubens“, in dem er sich auf dem schmalen Grat zwischen Wissenschaft und Religion bewegt. Die pflichtlektüre hat mit dem Physiker über die Gefahren des Glaubens gesprochen, woran er überhaupt glaubt und über die vermeintliche Unvereinbarkeit von Religion und Wissenschaft.

Ulrich Schnabel ist Physiker und schreibt für die Wochenzeitung "Die Zeit". Sein Themenfeld ist breit und reicht von der Astrophysik bis zur Geisteswissenschaft. Foto: Ulrich Schnabel

Ulrich Schnabel ist Physiker und schreibt für die Wochenzeitung "Die Zeit". Sein Themenfeld ist breit und reicht von der Astrophysik bis zur Geisteswissenschaft. Foto: Ulrich Schnabel

Herr Schnabel, wie definieren Sie denn den einen Glauben oder einen Glauben?

Schnabel: Ich würde sagen: Glauben ist eine unumstößliche Überzeugung von etwas, das entweder nicht existiert oder dessen Existenz nicht beweisbar ist. Es gibt den religiösen Glauben an Gott, Allah oder die Erleuchtung Buddhas. Also Dinge die naturwissenschaftlich nicht nachweisbar sind. Aber es gibt auch den Glauben an etwas wie die Existenz der großen Liebe oder auch daran, dass „St.Pauli der coolste Verein der Welt ist“ ─ dass allein Geld glücklich macht. Auch das sind nicht-beweisbare Überzeugungen, die zu so etwas wie einem Glaubensgebäude werden können. Der Witz ist natürlich, dass wir andauernd mit irgendwelchen Glaubensvorstellungen durch die Welt laufen, die nicht beweisbar sind.

Wenn wir schon bei Beweisen sind. Gibt es denn aktuelle Studien und Ergebnisse in der Glaubens-und Bewusstseinsforschung?

Schnabel: Es gibt seit 20 bis 30 Jahren einen Boom an Studien, die sich mit dem Thema Glauben beschäftigen und zwar aus allen möglichen Disziplinen. Mediziner untersuchen, ob ein religiöser Glauben bei der Bewältigung von Krankheiten helfen kann; Evolutionsbiologen fragen sich, warum der religiöse Glauben aus evolutionsbiologischer Sicht nicht ausgestorben ist. Denn laut Darwin sollte jede Fähigkeit, die in einer Spezies weitergegeben wird, einen Nutzen haben – sonst wäre sie im Laufe der natürlichen Selektion schon verschwunden.

Bleiben wir mal bei der Religion. Welchen Nutzen hat die Religion? Gibt es Auswirkungen im Gehirn oder ist das Ganze nur ein Placebo-Effekt?

Schnabel: Das ist einer der interessantesten Aspekte: Gerade der Placebo-Effekt zeigt, dass starke geistige Überzeugungen ganz konkrete biologischen Wirkungen haben können. Stellen Sie sich vor: Sie gehen zum Arzt wegen Rückenschmerzen, der verschreibt ihnen eine Pille und sagt: „Ein wunderbares Medikament. Das hilft bestimmt.“ Dann wird bereits diese Information Ihr Gehirn entsprechend beeinflussen. Dann bauen Sie eine Erwartungshaltung auf, entspannen sich, schütten entsprechende Botenstoffe im Gehirn aus, deren Informationen über die Nervenbahnen an den Körper weitergeleitet werden und dort das Immunsystem beeinflussen. Und das ist kein Hokuspokus; diese Wirkung wurde in vielen wissenschaftlichen Studien nachgewiesen.

Er zählt in der Weltöffentlichtkeit als einer der wichtigster Kämpfer gegen Rassismus. Seine wohl berühmteste Rede beginnt mit dem legendären Satz: "I have a dream...". Foto: flickr.com/Mike Licht

Er zählt in der Weltöffentlichtkeit als einer der wichtigsten Kämpfer gegen Rassismus. Seine wohl berühmteste Rede endet mit dem legendären Satz: "I have a dream...". Foto: flickr.com/Mike Licht

Und wenn Sie das jetzt auf den religiösen Glauben übertragen. Ist es da ähnlich?

Schnabel: Ich denke schon. Denn was im Placeboeffekt wirkt, ist vor allem Ihre Erwartungshaltung. Und welche Erwartung könnte größer sein als die religiöse? Mal angenommen, jemand ist von der Existenz einer liebevollen, positiven Macht überzeugt – dann, wird das sein Verhalten beeinflussen und verändern. Und das ist für mich eigentlich die grundlegende Erkenntnis der Glaubensforschung: Überzeugungen und Einstellungen haben eine direkte biologische und gesellschaftliche Auswirkung.

In einem Ihrer Büchertitel heißt es auch, dass der „Glauben Berge versetzen kann“. Das Unmögliche wird für jedermann möglich?

Schnabel: Natürlich nicht immer und auch nicht unbedingt für jedermann. Aber eine starke Überzeugung kann uns tatsächlich zu Dingen motivieren, die unmöglich erscheinen. Dafür gibt es historisch immer wieder gute Beispiele: Martin Luther King zum Beispiel glaubte an die Gleichheit von schwarzen und weißen Menschen in einer Zeit, in der das politisch noch überhaupt nicht spruchreif war. Aber von dieser Überzeugung beseelt, hat er eine Entwicklung angestoßen, die genau darauf hinaus lief, diese Gleichheit herzustellen. Und wenn Überzeugungen in Gruppen auftreten, können dadurch gesellschaftliche Bewegungen ausgelöst werden, die Dinge möglich machen, die zuvor unmöglich schienen.

Das hört sich nun sehr positiv an. Aber es gibt ja genügend Beispiele in denen der Glauben oder die Religion ins Extreme ausarten. Wo liegt genau die Gefahr?

Schnabel: Jede Religion birgt das Risiko des Missbrauchs in sich. Das ist wie bei einem starken Medikament, das auch immer Nebenwirkungen hat. Und bei Religionen sind die Nebenwirkungen zum Beispiel die hierarchische Struktur, die Macht und der Selbstschutzmechanismus der entsprechenden religiösen Organisationen. Das konnte man sehr gut bei den Missbrauchsfällen erkennen: Da ging es den Bischöfen teilweise mehr darum, die eigene Kirche zu schützen, als den Opfern und Betroffenen zu helfen. Religion hat immer viele Facetten: Es gibt den individuellen Glauben, das Streben nach Transzendenz und es gibt den Gruppenaspekt, die Organisation in Sekten und Kirchen und das Bemühen, diese Organisationen zu schützen. Die Frage, ob die „Religion an sich“ nun schlecht oder gut sei, ist daher pauschal nicht zu beantworten. Man kann sich nur bewusst machen, dass jeder Glaube Nebenwirkungen hat und versuchen, diese so gut wie möglich im Blick zu behalten.

Ulrich Schnabel meditiert selbst seit über 20 Jahren. Für ihn ist es es eine Art sich selbst und seine Geist zu beobachten. Foto:flickr.com/ oddsock

Ulrich Schnabel meditiert selbst seit über 20 Jahren. Für ihn ist es eine Art sich selbst und seinen Geist zu beobachten. Foto:flickr.com/ oddsock

Nun sind Sie ja studierter Physiker, also eindeutig Wissenschaftler. Woran glauben Sie denn überhaupt?

Schnabel: Es gibt einen schönen Satz des österreichischen Dramatikers Thomas Bernhard. Er sagte: „Ich bin sehr religiös, aber ohne jeden Glauben.“ Und das ist auch ein passendes Motto für mich. Mit konkreten Gottesvorstellungen habe ich enorme Probleme. Ein persönlicher an einen Gott etwa, der sich um mein eigenes Leben oder speziell das Wohlbefinden jener Leute kümmert, die zu ihm beten – das ist für mich schlicht und einfach Aberglaube. Andererseits sehe ich die extreme Beschränktheit der menschlichen Vernunft. Dass wir also niemals alles wissen können und immer nur in Abhängigkeit von unserer Umwelt, der Natur und unseren Mitmenschen existieren. Wenn einem klar wird, dass man selbst nur ein kleines, unbedeutendes Rädchen ist und niemals erfasst, wozu das große Ganze da ist und sich aber zu diesem großen Ganzen zugehörig fühlt – dann ist das durchaus eine transzendente Erfahrung, die ich auch in meiner Meditationspraxis erfahren habe. Aber diese Erfahrung ist für mich nicht an den Glauben an einen bestimmten Gott gebunden.

Warum haben Sie mit diesen konkreten Gottesvorstellungen so große Probleme?

Schnabel: Nehmen Sie zum Beispiel den Glauben daran, dass die Bibel im wortwörtlichen Sinn recht habe. Davon sind die sogenannten Kreationisten überzeugt. Für sie ist die Erde gerade mal 6000 Jahre alt, der Mensch ist die Krone der Schöpfung und so etwas wie Evolution gibt es nicht. Das ist aus naturwissenschaftlicher Sicht nicht haltbar. Für mich sind die biblischen Schilderungen eher Metaphern für die tiefenpsychologische Dimension des Menschen.

Eine der bekanntesten Geschichten der Bibel: Die Vertreibung aus dem Paradies. Was sagt uns diese Metapher?

Schnabel: Die Geschichte ist für mich eine wunderbare Metapher für die Entwicklung des menschlichen Bewusstseins. Der Mensch entwickelt seinen Geist und erkennt dabei, dass er von anderen Menschen, von Gott und der Natur getrennt ist. Diese Erkenntnis hilft ihm einerseits, seine eigenen Interessen zu verfolgen und zugleich wird ihm auch die eigene Sterblichkeit bewusst. Die Erkenntnis vertreibt ihn so gesehen aus dem Paradies der Unschuld. Daher ist für mich die biblische Erzählung eine sehr elegante und bildreiche Beschreibung, die die evolutionsbiologische Entwicklung, die sich über Jahrmillionen Jahre hinzog, auf einen dramaturgischen Moment verkürzt.

Es gibt abseits der Religionen auch den Glauben an den Fußballverein zum Beispiel an Borussia Dortmund. Ist das auch ein tiefgreifender Glaube oder eher eine Leidenschaft?

Schnabel: Das kann durchaus religiöse Züge annehmen. Man bildet mit gleichgesinnten Glaubensbrüdern eine Gemeinschaft oder im christlichen Sprachgebrauch eine Gemeinde. Der Gedanke „WIR gegen die anderen“ ist bei Fußballfans extrem ausgeprägt. Allerdings gibt es auch Unterschiede, da sich ja ein Gott der menschlichen Verfügbarkeit entzieht ─ im Gegensatz zum Fußballverein, den man im Stadion besuchen und anfeuern kann, den man aber auch durch Rückgabe seiner Dauerkarte „bestrafen“ kann.

So etwas wie ein Gottesmodul im Gehirn gibt es nicht. Gerade bei einer komplexen Sache wie dem Glauben, arbeitet das Gehirn wie ein Netzwerk. Foto:pixelio.de/Gerd Altmann

So etwas wie ein Gottesmodul im Gehirn gibt es nicht. Gerade bei einer komplexen Sache wie dem Glauben, arbeitet das Gehirn wie ein Netzwerk. Foto:pixelio.de/Gerd Altmann

Oft wird das ja so gesehen: Religion auf der einen und Wissenschaft auf der anderen Seite ─ also als Kontrahenten. Kann man die beiden auch zusammen bringen?

Schnabel: Für mich sind beide Dinge durchaus kompatibel und man muss sie nicht zwingend gegeneinander stellen. Es ist auch historisch falsch, denn die Wissenschaft ist aus religiösen Strukturen heraus entstanden. Aus den Klöstern, den ersten Klosterschulen wurden dann die ersten Universitäten. Die Wissenschaft hat ihre Wurzeln in der Theologie und der christlichen Kultur. Es ist übrigens auch interessant zu sehen, dass viele berühmte Wissenschaftler aus dem 17. und 18. Jahrhundert zutiefst religiös waren. Zum Beispiel Isaac Newton: Der Begründer der Physik war überzeugt, dass er auf Erden nur das enthüllt, was Gott ihm gestattet zu enthüllen. Für diese Forscher war das überhaupt kein Gegensatz. Heute hat sich die Wissenschaft natürlich weiter entwickelt. Aber bei richtiger Betrachtung  können religiöse und wissenschaftliche Betrachtungsweise noch immer kompatibel sein.


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