Wer Aids hat, muss nicht auch HIV-positiv sein

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Würdet ihr mit jemandem ins Bett gehen, der HIV-positiv ist? Wahrscheinlich nicht, die Ansteckungsgefahr wäre ja viel zu groß. Was aber, wenn derjenige zwar HIV-positiv ist, aber gar nicht ansteckend? Wie das funktioniert und was das HI-Virus überhaupt ist, darüber haben wir mit Prof. Norbert Brockmeyer gesprochen, Leiter des Zentrums für sexuelle Gesundheit und Medizin und Direktor der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie im katholischen Krankenhaus Bochum.

„Zunächst ist es ganz wichtig zwischen HIV und Aids zu unterscheiden“, erklärt Norbert Brockmeyer. Denn HIV kann ohne Behandlung zwar zu Aids führen, ist aber ausschließlich die Infektion mit dem ‚Humanen Immundefizienz Virus‘. Dieses setzt sich in die Immunzellen unseres Körpers ein und zerstört – unbehandelt – das Immunsystem. Dadurch treten dann andere, sogenannte Markererkrankungen auf, zum Beispiel eine Form der Lungenentzündung. Menschen, die nicht HIV-positiv sind, bekommen diese Krankheiten in dieser Art im Normalfall nicht. Das heißt HIV führt zwar durch die Zerstörung des Abwehrsystems zu Aids. Beide sind aber unterschiedliche Krankheiten.

„Als Aids definierte Erkrankungen können auch bei Patienten auftreten, die eine Chemotherapie bekommen, wodurch das Immunsystem ebenfalls zerstört wird“, erklärt Norbert Brockmeyer. Durch eine gute HIV-Behandlung, kann die Zerstörung des Immunsystems allerdings aufgehalten werden. Betroffene haben dann eine fast genauso hohe Lebenserwartung wie nicht Infizierte. Deshalb sieht Norbert Brockmeyer das Ziel der UNO, Aids bis 2030 weitgehend auszurotten, auch als realistisch an, zumindest in Deutschland: „Wenn wir es schaffen möglichst viele Menschen mit HIV zu behandeln, werden wir Aids weitgehend ausrotten können. Davon bin ich überzeugt.“ Ein zweiter wichtige Faktor, um die Verbreitung des HI-Virus einzuschränken, ist eine gute HIV-Therapie. Sie kann verhindern, dass HIV-Infizierte ansteckend sind. Die Viruslast im Körper sinkt so weit, dass die Menge an Viren einfach zu gering ist, um andere Menschen anstecken zu können. 

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Prof. Dr. Norbert Brockmeyer hat sich auf HIV/Aids und andere sexuell übertragbare Krankheiten spezialisiert (Foto: Hanna Heine).

Was macht das HI-Virus überhaupt im Körper?

Aber auch wer sich mit dem HI-Virus infiziert hat, profitiert mittlerweile von guten Therapiemöglichkeiten. Sie ermöglichen den Betroffenen eine hohe Lebensqualität. Um zu verstehen wie die Medikamente und das Virus im Körper wirken, hilft ein kurzer Ausflug in die Welt der Biologie. Das HI-Virus ist ein RNA-Virus, das heißt, es enthält Erbinformationen. Tritt das Virus in unsere Zellen ein, verändert es dort das Erbgut der Zelle so, dass die Zelle neue HI-Viren produziert. Ohne eine Behandlung würde das Immunsystem zerstört und die Betroffenen bekämen im Durchschnitt nach ungefähr zehn Jahren Aids. „Damit das Virus in die Zelle eintreten kann, braucht es Rezeptoren, um die Zelle, quasi wie mit einem Schlüssel, aufzuschließen. An dieser Stelle können wir es aber schon hemmen, damit es gar nicht erst in die Zelle kommt“, sagt Norbert Brockmeyer. Nach diesem Prinzip können Medikamente entlang des Viruslebens fast an jedem Punkt eingreifen und verhindern, dass das Virus sich weiter verbreitet. Wichtig sei dabei aber, dass Patienten immer eine Kombination aus drei Medikamenten einnähmen, damit sie keine Resistenzen entwickeln, meint Norbert Brockmeyer. 

Mediziner können HIV-Infizierte nicht komplett heilen

Völlig aus dem Körper vertreiben, können Mediziner das HI-Virus aber nicht. Denn einige der infizierten Zellen teilen sich nach der Infektion nicht mehr. Um das Virus aber mit Medikamenten angreifen zu können, muss es aktiv sein. Deshalb können Mediziner das Virus zwar in Schach halten, Infizierte aber nicht komplett heilen. 

Doch auch wenn das Virus nie komplett aus dem Körper entfernt werden kann, ist es wichtig bei einer Infektion schnell zu reagieren. Denn ist das Immunsystem einmal zerstört, brauchen die Zellen Jahrzehnte um wieder so zu funktionieren, wie vor der Infektion. „Die Lebenserwartung ist deutlich höher, wenn der Betroffene früh therapiert wird“, meint Norbert Brockmeyer. Deshalb sei es auch so wichtig, dass sich jeder Einzelne darüber im Klaren ist, ob für ihn ein HIV-Risiko besteht. Ist das der Fall, sollte er oder sie sich auch so schnell wie möglich testen lassen.

Eine Infektion kann nur besiegt werden, wenn offen mit ihr umgegangen wird

Aber auch wenn die Medizin mittlerweile große Fortschritte gemacht hat, gibt es in Deutschland immer noch Menschen, die sich nicht testen lassen und somit eine hohe Dunkelziffer. „Das Ganze hat ja nicht nur was damit zu tun, dass Medikamente vorhanden sind, sondern es hat auch etwas mit der Einstellung der Menschen und dem Akzeptieren von HIV zu tun“, erklärt Norbert Brockmeyer. In unserer Gesellschaft gelte alles, was mit Sexualität zu tun hat als tabu. Wer dann noch eine sexuell übertragbare Krankheit hat, sei zusätzlich mit dem Stigma ‚Igitt‘ gekennzeichnet.  Das ist nach Ansicht von Norbert Brockmeyer ein großes Problem und ein Grund dafür, warum sich auch in Deutschland immer noch Menschen mit HIV infizieren.“HIV-Infizierte werden in unserer Gesellschaft zu oft stigmatisiert und ausgegrenzt. So kann man aber keine Infektion besiegen.“ Betroffene müssten in die Mitte geholt werden, damit sie keine Angst hätten zu sagen ‚Ich bin HIV-positiv‘. Denn sobald Ängste da seien, gingen Menschen in den Untergrund und seien nicht mehr zu erreichen, sagt Norbert Brockmeyer.

Aktionen wie die öffentliche Festnahme von No Angels-Sängerin Nadja Benaissa sind laut dem Experten deshalb auch kontraproduktiv für die Präventionsarbeit. Die Sängerin wurde 2010 verhaftet, weil sie ungeschützten Geschlechtsverkehr hatte, ohne ihre Partner über ihre HIV-Infektion zu informieren. Wichtig für die Aufklärungsarbeit ist das negative Stigma von HIV und anderen sexuell übertragbaren Krankheiten zu bekämpfen und aufzulösen, wie Norbert Brockmeyer erklärt. Außerdem sieht er die Medizin genauso wie gefährdete Menschen selber in der Pflicht: „Wir müssen uns immer wieder fragen, mit wem hatte ich Verkehr, welche Risiken gibt es und sollte ich mich testen lassen?“ Zudem müssten die Leute aufgeklärt und Betroffene in die Gesellschaft eingebunden werden.

Beitragsbild: Flickr/ carnagenyc, lizensiert nach Creative Commons