Kein Lernen ohne Leichen

RUB-Proteste-Medizinstudenten

Kann jemand, der nie unter eine Motorhaube geguckt hat, KFZ-Mechaniker*in werden? Reicht eine Ausbildung im Flugsimulator für den Pilotenschein aus? Wohl kaum. Genauso wenig kann Arzt oder Ärztin werden, der nie einen menschlichen Körper seziert hat – das finden zumindest die Medizinstudierenden der Ruhr-Universität Bochum (RUB). Doch genau darauf müssen sie momentan verzichten, denn: Die Anatomie-Säle werden einem neuen Gesetz nicht mehr gerecht. Grund genug für die Studierenden, sich mit einem offenen Brief an die Landesregierung zu wenden.

Uttban Gohman studiert an der RUB Medizin im vierten Semester. Hätte er vor dem Studium gewusst, dass er nicht wie geplant an Leichen Anatomie üben kann, wäre er vielleicht an eine andere Uni gegangen. „Ich weiß nicht, ob ich mich gegen Bochum entschieden hätte, aber ich hätte das definitiv in meine Entscheidung mit einbezogen“, erzählt er. „Bücher stellen den menschlichen Körper zwar ganz gut dar, aber Leichen sind natürlich besser.“ Zwischen den Medizinstudierenden und den Präparationskursen steht lediglich ein Gesetz zum Gebrauch von Formaldehyd.

Was ist Formaldehyd?

Das chemische Konservierungsmittel wird seit Jahrzehnten in der Medizin dazu verwendet, um den Zerfall von Leichen zu verhindern. Doch seit Januar 2016 wurde das Gefahrenpotenzial der Chemikalie hochgestuft, seitdem gilt sie mehr denn je als krebserregend. Die Folge: Für alle Arbeitsplätze, die mit Formaldehyd in Berührung kommen, gelten neue Grenzwerte. Das Problem: Die wenigsten Anatomie-Säle in deutschen Universitäten sind mit einer Lüftungsanlage ausgerüstet, die diesen Werten gerecht wird. Auch an der RUB ist das der Fall, und das bedeutet: keine Kurse mehr mit präparierten Leichen.

Bild Pflichtlektüre/Moritz Tschermak

Studierende präparieren eine Leiche.
Foto: pflichtlektüre/Moritz Tschermak

„Ein ganz wichtiger und traditioneller Teil des Medizinstudiums ist damit gerade an der RUB nicht möglich“, sagt Emre Yavuz von der Fachschaft Medizin. Momentan müssen sich die Studierenden auf theoretische Kurse beschränken. „Aber ein Modell aus Plastik oder eine Computersimulation ersetzen nun mal nicht die Arbeit an einem echten Körper“, erklärt Yavuz. Dass Formaldehyd gefährlich ist, müsse man akzeptieren und eine Lösung finden. „Man kann nicht einfach sagen, dass es seit Jahren schon benutzt wird und das nie ein Problem war. Studierende und Mitarbeiter der Labore dürfen nicht gefährdet werden“, sagt Yavuz.

Gefahr hin oder her: Die Studierenden wollen auf die Anatomiekurse um keinen Preis verzichten und haben deshalb eine Protestgruppe gegründet. Gemeinsam mit der Fachschaft haben sie Rücksprache mit den medizinischen Fakultäten anderer betroffener Universitäten gehalten und nach Möglichkeiten recherchiert, den Unterricht kurzfristig wieder zu etablieren. „Anders als es in manchen Medien verbreitet wurde, sind wir in Bochum nämlich nicht die Einzigen, die nach wie vor unter diesem Problem leiden“, erzählt Yavuz. Daher habe man gemeinsam überlegt und schlussendlich einige vertretbare, kurzfristige Lösungen ausgearbeitet.

Absaugende Tische, mobile Laboratorien, Container?

Eine wurde sogar bereits – gemeinsam mit RUB-Kanzlerin Christina Reinhardt – auf den Weg gebracht. „Die Universität Düsseldorf hat uns leihweise einen Anatomie-Tisch mit eingebauter Entlüftung zur Verfügung gestellt. Der Tisch saugt die Umgebungsluft direkt nach unten ab“, erklärt Yavuz. Jetzt müsse überprüft werden, ob dadurch die Grenzwerte eingehalten werden können. „Sollte das der Fall sein, wurde uns gesagt, dass umgehend mehr Tische bestellt werden sollen.“ Es werde auch über ein mobiles Laboratorium oder einen Container nachgedacht.

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„Bring back the Präp“ skandierten die Studierenden. Foto: RUB/Schnorrbusch

Den Studierenden geht das noch nicht weit genug. Ihnen dauert die Planung zu lange, sie fordern kurz- und langfristige Lösungen, die nicht nur geplant, sondern auch umgesetzt werden. Dafür protestierten sie am vergangenen Montag (27.06.2016) vor dem Audimax der Uni Bochum. Mit Plakaten und „Bring back the Präp“-Rufen machten sie auf die Problematik aufmerksam. Zusätzlich dazu überreichten sie NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft bei einem Besuch an der RUB einen offenen Brief mit der Bitte um mehr Initiative seitens des Landes. Ihr Appell ist eindeutig: „Eine Investition in unsere Ausbildung ist schließlich eine Investition in die gesundheitliche Versorgung von morgen.“

„Es wissen aber auch alle, dass die langfristige Lösung nur ein Umbau der Räume sein kann“, sagt Yavuz. Viele andere Universitäten hätten das schon erledigt, bei der RUB gebe es diesbezüglich jedoch ein Problem. In der Bausubstanz enthaltenes PCB und Asbest mache jeden Umbau zu einem Großprojekt. Zusätzlich dazu sei in naher Zukunft ein Umbau des kompletten Fakultätsgebäude notwendig. Rektor Prof. Dr. Axel Schölmerich bittet deshalb um Geduld. Betrachte man die Gegebenheiten rund um die veraltete Bausubstanz, so ließen „sich die Räume und die Technik nicht von heute auf morgen umrüsten“, betont er in einer Stellungnahme.

„Mit dem Tod konfrontiert“

Dass die gerade betroffenen Studierenden von einem Umbau absehbar nichts mehr haben werden, ist ihnen durchaus bewusst. „Es geht hier ums Prinzip. Die Anatomie gehört einfach zur Ausbildung“, findet Student Uttban Gohman. „Es geht ja nicht nur um das Sezieren und das Wissen. Es geht darum, dass man nur so wirklich mit dem Tod konfrontiert wird. Wir müssen wissen, was später mal in unserer Verantwortung liegt“, findet Gohman. „Ich finde, da gehört das Arbeiten mit Leichen dazu.“

Beitragsbild: RUB/Schnorrbusch
Teaserbild: pflichtlektüre/Moritz Tschermak