Campus: Versetzen statt besetzen

Die finanzielle Lage an den Unis ist schlecht – Zeit für neue Geldspritzen. Warum machen wir es nicht wie die Berliner Studenten der Humboldt-Universität und verramschen unser Uni-Mobiliar? pflichtlektüre-Authorin Catherine Wenk mit einem nicht ganz ernst gemeinten Gedankenspiel zur schönen neuen Uni-Welt.

Noch sind die Hörsaal-Sitze an der TU Dortmund unverkäuflich.

Noch sind die Hörsaal-Sitze an der TU Dortmund unverkäuflich.

In Zeiten von Finanzkrise und Haushaltsloch fehlt es auch den Universitäten an Geld. Doch worauf warten wir? Es liegt nämlich haufenweise an der Uni herum. Die Rede ist von den zahlreichen Sitzplätzen in den Hörsälen. Hier sprudeln die wahren Geldquellen. Hier ruht das Kapital.

Das mag im ersten Moment befremdlich klingen, aber man muss nur auf unsere Hauptstadt Berlin blicken: Da machen die Studenten vor, wie es geht. Im vergangenen Oktober haben dort zwei Studierende der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät das Projekt „platzstiften“ ins Leben gerufen. Was sich nach einer Hilfsaktion für Platz suchende Schwangere oder Rentner im öffentlichen Nahverkehr anhört, ist in Wirklichkeit ein Meilenstein in der Geschichte der Unifinanzierung: Hörsaalplätze werden zum Verkauf angeboten.

Ob Student, Alumni oder Unternehmer, jeder kann ein aus feinstem Holz gefertigtes Exemplar erwerben. Das aus dem Verkauf gewonnene Geld fließt direkt an die Fakultät für Wirtschaftswissenschaften, zur Finanzierung von Tutorien und verbesserten Räumlichkeiten. Der Spender bekommt im Gegenzug ein glänzend poliertes Schildchen mit seinem Namen, festgeschraubt bis in alle Ewigkeit. Gut, vielleicht nicht bis in alle Ewigkeit, aber zumindenstens für die nächsten fünf bzw. zehn Jahre.

Solch grandiose Ideen verlangen natürlich nach der richtigen Vermarktung. Und damit auch jeder einzelne Hörsaalplatz verscherbelt werden kann, gibt es auf der Internetseite www.platzstiften.de ein ausgeklügeltes Kaufsystem. Ähnlich wie bei der Kinokartenreservierung kann hier der Platz der Begierde ausgewählt werden. Ein grünes Kästchen bedeutet: frei zum Verkauf. Rot signaliert, dass der Platz schon einen Geldgeber gefunden hat. Natürlich gibt es auch verschiedene Preiskategorien. Für einen Hörsaalsitz in der ersten Reihe muss man mit 1.000 Euro schon tief in die Tasche greifen. Die weniger Betuchten können sich mit 250 Euro in den hintersten Reihen verewigen.

Herrlich, dieses „platzstiften“-Projekt. Denn welcher Student träumt nicht davon, sich inmitten der Sitzplatzlandschaft wiederzufinden, auf einem Täfelchen eingraviert. Gleichzeitig überkommt ihn dabei die vollkommende Zufriedenheit, etwas Gutes für die Bildungsanstalt Universität getan zu haben.

Und auch für Unternehmen ist dieses Projekt wohl wie geschaffen. Sie könnten den armen Hochschulen helfen und gleichzeitig wunderbar Werbung für sich machen. „Wo sitzen wir denn heute im Hörsaal? In der Mercedes-Reihe oder auf der Lidl-Fensterbank?“

Und wenn schon die großen Konzerne mitmischen, dann dürfen sich doch auch gerne die politischen Parteien Platz stiften engagieren. Guido Westerwelle grüßt aus Reihe eins, neben ihm thront, natürlich in rot, das Namensschild von Frank-Walter Steinmeier.

Die Ressourcen an der Uni sind groß. Warum denn nur Hörsaal-Bänke verkaufen?

Die Ressourcen an der Uni sind groß. Warum denn nur Hörsaal-Bänke verkaufen?

Denn wer braucht schon unabhängige Unis, wenn es auch anders geht und sich dafür die klammen Kassen füllen. Werfen wir den Grundsatz der Unverkäuflichkeit über Bord, gemeinsam mit all den anderen moralischen Bedenken.

Und weil das alles so eine furchtbar gewinnbringende Aktion ist, sollte man den Verkauf einfach ausweiten. Warum nicht auch Türen, Fenster und Fußböden verschleudern? Irgendwann gäbe es dann vielleicht sogar einen „Walk of Spender“ in jedem Hörsaal, eingelassene Marmortafeln, versehen mit den Namen der Finanziers.

Wieso überhaupt nur das Inventar der Hörsäle an den Mann bringen? Wie viel Kapital steckt erst in den Unitoiletten, den Waschbecken und Seifenspendern. Und auf die Handtücher zum Abtrocken könnte man prima ein paar Firmenlogos drucken. Selbst aus einfachen Mülleimern ließe sich noch entsprechend Gewinn machen.

Was für eine schöne, neue Uniwelt. Das Geld flösse in Strömen, die Zeit des eisernen Sparens wäre vorbei. wen stört da schon das Geschmäckle der Käuflichkeit?