Wo Dortmund am britischsten ist

Der Brexit ist beschlossen, Großbritannien so gut wie raus aus der EU. Was uns erhalten bleibt, ist aber das britische Lebensgefühl, und zwar in Form sogenannter „English Shops“: Supermärkte, in denen es Köstlichkeiten direkt von der Insel gibt. Auch in Dortmund steht eine Filiale – doch welche Folgen hat der Brexit für sie?

Wenn ich an England denke, dann denke ich nicht nur an die Queen und den Big Ben. Ich denke auch an Essen, und zwar an großartiges Essen. Entgegen der Auffassung vieler Menschen bietet die englische Küche nämlich mehr als nur Fish and Chips. Den Beweis gibt es im Dortmunder „English Shop“, der aufgebaut ist wie ein echter britischer Supermarkt. Es gibt hier gefühlt einhundert Sorten Bier, Cider und Limonaden, wie man sie in Deutschland sonst nirgendwo finden würde. Kaugummi-Limo zum Beispiel – wie verrückt ist das denn? Natürlich dürfen für das traditionell britische Frühstück auch Bohnen-Konserven nicht fehlen, genauso wie die Grundausstattung zur Tea-Time: Lose Tees, verschiedene englische Marmeladen, Clotted Cream – und echte Scones.

Seit anderthalb Jahren gibt es den „English Shop“ in Dortmund. Die erste Filiale der kleinen Kette wurde schon vor über
zwanzig Jahren in Köln eröffnet, seitdem sind unter anderem Heidelberg und Bonn dazugekommen. Dem Namen des Geschäfts zum Trotz gibt es hier auch Lebensmittel, die nicht aus England kommen, sondern aus den USA, Irland oder Schottland. „Vor allem die Sachen aus den USA sind bei den jungen Leuten beliebt. Wir haben zum Beispiel amerikanische Cornflakes, Pop Tarts und Süßigkeiten wie Reeses oder Nerds,. Darüber freuen sich viele Kunden, dass kriegt man in Deutschland sonst nicht“, erzählt Shop-Managerin June Fox.

Und tatsächlich: Wer sich auf das Sortiment einlässt, versteht auf einmal, was der Begriff „Foodporn“ wirklich bedeutet. Da stehen Riegel mit Erdnussbutterfüllung gleich neben überdimensional großen Schokoladeneiern , ein Stück weiter locken sogenannte „Snowballs“: Marshmallows mit Kokosraspeln oben drauf. Ein weiteres Highlight der Süßigkeiten-Abteilung: Sticky Toffee Pudding. Das ist ein kleiner, süßlicher Kuchen mit warmer Karamellsoße, den die Briten in der Mikrowelle zubereiten.

Die Managerin des Ladens, June Fox, lebt erst seit einem halben Jahr in Deutschland. Sie kommt aus Hamilton, einer schottischen Stadt in der Nähe von Glasgow – und ist der Liebe wegen nach Deutschland gezogen. Eigentlich ist sie Tanzlehrerin, hatte in Schottland sogar eine eigene Tanzschule. Als eine Knie-OP sie jedoch vor einem halben Jahr zwang, ihren Beruf aufzugeben, konnte sie sich endlich zu einem Umzug durchringen. „Meine Kinder sagten mir, ich solle jetzt endlich ganz nach Deutschland zu meinem Mann gehen. Aber ich vermisse meine Familie und meine Enkel sehr“, sagt sie.

Die Schottin ist eine von zwei englischsprachigen Mitarbeitern, aber auch ihre deutschen Kollegen sprechen die Besucher grundsätzlich auf Englisch an und sind immer für einen kleinen Plausch zu haben – oder einen „blether“, wie June auf Schottisch sagen würde. Sie persönlich wünscht sich, dass die Leute nicht nur zum Einkaufen kommen, sondern auch, um ein britisches Gefühl mit nach Hause zu nehmen. Der ganze Laden ist liebevoll mit Wimpeln und Flaggen dekoriert, an jeder Ecke ginst einen die Queen von einer Verpackung oder Postkarten an.

Fox selbst lebt nun in Europa, aber für ihre Familie wird das bald nicht mehr gelten. Die Schottin hält nichts vom Brexit, genau wie 62 Prozent ihrer Landsleute, die ebenfalls gegen den Austritt aus der EU gestimmt haben. Nach dem Votum in Großbritannien das traditionell EU-freundliche Land sogar ein eine Wiederholung seines Unabhängigkeitsreferendums vorgeschlagen. Doch die Situation ist verfahren. Obwohl die meisten Schotten gern EU-Mitglied bleiben wollen, möchten sie auch ein Teil Großbritanniens sein. „Ich denke, wir sind stronger all together. Ich bin glücklich, in Europa zu sein“,sagt June Fox. Mit ihrem „English Shop“ trage sie immerhin dazu bei, dass England Teil von Europa bleibe, auch wenn das Land bald austrete, sagt sie. Dazu passt der Spruch im Fenster : „Britain might have left the EU, but we are still here. So a little part of Britain survives in the EU!“

Auch die Kunden des „English Shops“ machen sich nach dem Brexit Gedanken. Sie fragen sich, wie es nach dem Votum weitergehen wird: Kommt ein harter Brexit, bei dem Großbritannien auf nahezu alle derzeit bestehenden Handelsvorteile verzichtet und sowohl aus dem europäischen Binnenmarkt, als auch aus der Zollunion austritt? Oder kommt doch der weiche Brexit, den viele europäische Politiker zu befürworten scheinen, bei dem Großbritannien aber weiter in EU-Töpfe einzahlen müsste und der viele Pro-Brexit-Wähler enttäuschen würde?

Auch June Fox weiß es nicht, natürlich nicht, aber sie bleibt positiv. Es werde schon alles irgendwie weitergehen sagt sie. Zwar könne es durchaus sein, dass sich der Import ihrer Produkte nach dem Brexit ein wenig verteuert, bislang spürt sie davon jedoch noch nichts.

Ihre Lebenseinstellung versucht die Schottin mit ihren überwiegend Kunden zu teilen. „Die Deutschen sind immer sehr strukturiert und planen alles im Voraus. Außerdem sagen sie dir immer ganz direkt ihre Meinung. In Schottland ist man eher gefühlsbetont und sehr freundlich, wir wollen Leute nicht beleidigen.“ Empfangen worden sei sie hier trotzdem sehr herzlich. Nur das Essen wundert sie manchmal doch stark.  „Ich habe das Gefühl, dass man in Deutschland alles nur mit Wurst isst und die Menschen hier besessen sind von Spargel. Spargel mag ich nicht wirklich. Und ich bin auch kein Fan von Schnitzel“, gibt sie zu. Doch auch daran kann man sich schließlich gewöhnen. Und falls nicht, bleiben ihr ja noch ihre britischen Lebensmittel von zu Hause. Genau wie June Fox werden nämlich auch wie bleiben, egal was kommt. Und sei es auch der lästige Brexit.

Hier findet ihr die English Shops

Fotos: Marina Weidenhaupt