Europäerin aus Überzeugung

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Luca Elena Bauer kennt die Probleme der EU – und ist trotzdem begeistert vom Gedanken an ein gemeinsames Europa. Warum? Und wie geht es weiter mit Europa? Luca steht für eine Generation von Befürwortern der europäischen Idee. Ein Porträt.

Wenn Luca Elena Bauer an Europa denkt, denkt sie auch an ihre Großeltern. An den Krieg, von dem sie berichten. Und an die Flüchtlinge. „Dann weiß ich: Ich kann mich sehr glücklich schätzen, dass ich in der längsten Friedensperiode der Geschichte aufgewachsen bin“, sagt Luca, „und das ist auch der Verdienst der EU. Ganz sicher.“ Sie hat eine klare Position. Die 25-Jährige weiß genau, was sie gut findet – und was ihr nicht gefällt.

Europa, das ist für Luca nicht nur ein offener Wirtschaftsraum. Nicht nur ein Zweckbündnis oder ein künstliches Konstrukt. Eher der Versuch, einen Kontinent zu schaffen, geprägt von Frieden und getragen von Freiheit, Gleichheit und Solidarität. Europa, das sei eine Herzenssache, sagt Luca und nickt nachdrücklich.

Für 28 Personen Pizza bestellen? Das ist schwer.

„Diesen Gedanken hinter der EU festzuhalten, ist im Moment ziemlich schwer“, sagt sie. Die europäischen Krisen kennt Luca, die im Bachelor Europäische Studien in Osnabrück studiert hat und jetzt ihren Master in Politikmanagement an der NRW School of Governance der Universität Duisburg-Essen macht. Aber eine europäische Identität bedeute nicht gleich bedingungslos an die europäische Politik zu glauben. „Ich kann sagen: ‚Ich als Europäerin finde die Politik in Brüssel gerade nicht gut.‘ Das geht“, sagt Luca. Sie sei genauso Europäerin wie Deutsche.

Was ist der Europäische Freiwilligendienst?
Der Europäische Freiwilligendienst (EFD) ermöglicht jungen Menschen, sich in einem gemeinnützigen Projekt im Ausland zu engagieren. Er dauert meistens zwischen zwei Monaten und einem Jahr. Tätigkeitsfelder reichen vom sozialen über den ökologischen bis hin zum kulturellen Bereich. Mehr Informationen findet Ihr hier.

Aber Luca glaubt nicht nur an Europa, sondern auch an die EU. Dass vielen jungen Menschen die Identifikation mit der EU fehlt, dass sie ihr vorwerfen, nur eine bürokratische Blase zu sein, sei ihr klar. “Die EU ist ein kompliziertes Konstrukt mit immerhin 28 Mitgliedsstaaten“, sagt Luca. „Jeder, der schon mal versucht hat, für 28 Personen Pizza zu bestellen, weiß: Das ist schwer.“ EU, das bedeute eben: viele Verhandlungen. Und für Luca im Moment auch: Hoffen.

Ein besseres Konzept sehe ich nicht.

Aber die fehlende Identifikation mit Europa sei nur ein Grund für die Probleme in der Beziehung zwischen Europäern und EU, findet Luca. Es gebe keine europäische Öffentlichkeit. Sie selbst schaue sich europäische und deutsche Nachrichten an, für die Mehrheit der Europäer gelte das jedoch wahrscheinlich nicht. „Es gibt den Fernsehsender ‚euronews‘, der für die gesamte EU gedacht ist, aber den hier keiner kennt“, sagt Luca. Ein weiteres Problem: Die nationale Politik, die gerne Erfolge für sich in Anspruch nehme, die Schuld für Probleme aber auf Brüssel schiebe.

Viele Krisen, noch mehr Baustellen – wie kann man dann noch an die EU glauben? „Was ist die Alternative?“, fragt Luca und sagt: „Ich mag das Wort ‚alternativlos‘ nicht. Aber ein besseres Konzept sehe ich nicht.“ Es könne schon sein, dass es Staaten gibt, die ohne die EU gut überleben könnten: „Deutschland gehört bestimmt dazu. Aber was wäre ohne die EU besser?“ Luca findet: Nichts. Ein Rückfall zur Denkweise „Weg von Europa“ sei der falsche Weg. „Ein Zurück zum Nationalismus würde der Geschichte nicht gut tun.“ Zustände wie zu Anfang des 19. Jahrhunderts – Luca fürchtet sich davor.

Natürlich lebe ich in einer kleinen Blase.

Luca war nicht immer begeistert von Europa. Das erste Mal kommt sie nach dem Abitur mit dem Thema in Berührung. Luca macht einen Europäischen Freiwilligendienst, in dem sie ein gemeinnütziges Projekt in Schweden unterstützt. Sie trifft andere Freiwillige aus anderen europäischen Ländern und stellt fest: Sie alle haben dieselben Interessen, dieselben Probleme. „Dann wusste ich auch, dass ich mich im Studium mit Europa befassen möchte“, sagt Luca. Auch an der Uni trifft sie auf viele junge Menschen, die an die EU glauben. Wird man nicht unkritisch? „Natürlich lebe ich in einer kleinen Blase. Viele Menschen in meinem Umfeld denken ähnlich wie ich.“

Unkritisch aber werde man durch das Studium nicht, im Gegenteil. „Wir sind alle euphorisch ins Studium gestartet“, sagt Luca und zeichnet einen steigenden Graphen in die Luft, „aber mit der Zeit wird man immer pragmatischer.“ Zum Beispiel durch die Krisen. „Es kommen sogar immer mehr dazu. Und keine wird so richtig gelöst“, sagt Luca. Resignation? „Auf keinen Fall. Die Idee der EU ist richtig.“ Für sie bedeute das nämlich vor allem Freiheit.

Wir haben doch so viele Gemeinsamkeiten.

Dennoch kennt die Idee „EU“ auch Grenzen – zumindest für Luca. „Wie weit die Idee eines zusammenwachsenden Europas gedacht werden kann, ist eine Prinzipienfrage. Ich glaube, dass ein einziger Staat ‚Europa‘ nicht durchzusetzen ist. Es gibt einfach noch zu viele Fehler im System.“ Lucas Lösungsideen? Sie muss lachen. Da könne man eine ganze Doktor-Arbeit drüber schreiben, findet sie. Klären kann Luca diese Frage nicht.

Die Menschen müssten sich in der EU besser repräsentiert fühlen, klar, das sei ein wichtiger Ansatz. So ist es, wenn man an die EU glaubt: „Man will ja konstruktive Lösungsansätze liefern, aber es ist sehr, sehr schwer.“ Es gebe eben keine Blaupause, man könne sich nichts abgucken. Genau das macht es so schwer. Die EU ist einmalig in der Geschichte. Gerade deshalb kann sich Luca ein Scheitern der EU nur schwer vorstellen. „Ich hoffe nicht, dass es soweit kommt“, sagt Luca. Sie glaubt: Im schlimmsten Fall komme man zurück zum rein wirtschaftlichen Verbund von Staaten.

Luca sieht ihre eigene Zukunft nicht unbedingt in Brüssel, in die Politik will sie nicht. Ihr Plan lautet: Erst einmal Praktika machen und abwarten, was ihr gefällt. „Europa betrifft Institutionen und Unternehmen, man findet es eigentlich auf allen Ebenen“, sagt sie. Vorher stehe bis Herbst noch die Master-Arbeit an. Ihre Wünsche für die europäische Zukunft: „Dass es viele motivierte Menschen gibt, die das Europabewusstsein stärken, mehr Europa-Gefühl und vor allem mehr Solidarität.“ Auch nach dem Studium will Luca begeisterte Europäerin bleiben. Warum auch nicht? Sie erinnert sich an ihre Zeit in Schweden: „Wir haben doch so viele Gemeinsamkeiten.“

Teaser- und Beitragsbild: Daniela Arndt

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