„Die Gesellschaft verändert die Selfies“

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Selfies sind schon lange Trend. Die sozialen Netzwerke werden geflutet von Selbstportraits. Damit nimmt das Phänomen ganz neue Dimensionen an, findet die Medienwissenschaftlerin Anna Tuschling. Pflichtlektüre-Reporterin Meike Sartorius hat mit der Junior-Professorin der Ruhr-Universität Bochum über ihre Forschungsergebnisse zum Thema Selfie gesprochen. 

Wie sah Ihr letztes Selfie aus?

Das war zusammen mit meiner Tochter. Wir haben es als einen Gruß an ihre Großeltern verschickt. Ich war zwar im Bild, sah aber eher wie ein Felsen aus. Also ohne die typische Selfe-Mimik, wie den Knutschmund.

Das Selfie gibt es ja schon länger und auch der Begriff war ja bereits „Wort des Jahres 2013“. Kann man trotzdem noch von einem Trend sprechen?

Ja genau, die Tradition des Selbstportraits ist ja eigentlich schon viel älter. Schon auf alten Malereien und Fotografien gab es diese Selbstportraits, im Prinzip schon seit der Polaroid-Fotografie, bei denen auch schon Selfies gemacht wurden. Ich würde aber sagen, dass die Gewohnheit des Selfiemachens sich auf jeden Fall hält und immer gewöhnlicher wird. Man kann Selfies nicht mehr nur beispielsweise auf die Instagram-Bilder von Kim Kardashian reduzieren, sondern man muss sie als ein eigenes, wichtiges Medium begreifen.

Was ist der Grund, warum Selfies so „normal“ geworden sind?

Es gibt vor allem in bestimmten Jugendgruppen den gesellschaftlichen Zwang, sich darzustellen. Das Selfie ist ein spielerisches Mittel das zu tun: Es hilft auch seinen Körper zu erkunden und zu verändern. Gerade die geschlechtsspezifische Darstellung und diese sehr uniformen Portraits lassen sich beobachten. Diese Art von Fotos ist quasi das „Inbild“ der narzisstischen Konsumkultur und erfährt auch viel Kritik. Aber sie werden natürlich auch angefertigt, um im Internet geteilt und kommentiert zu werden. Das ist ein wichtiger, neuer Aspekt an dem Trend. 

Ihr Forschungsschwerpunkt lag jedoch eigentlich gar nicht auf der Psychoanalyse der Selfie-Macher, sondern Sie haben das Selfie vor allem gesellschaftlich analysiert. Wie verändert das Selbstportrait denn die Gesellschaft?

Ich würde es eher umgekehrt sagen: Die Gesellschaft verändert die Selfies. Festmachen kann man das zum Beispiel an der Vielzahl politischer Selfies, die immer mehr werden. Man nehme zum Beispiel das Bild von der dänischen Ministerpräsidentin mit Barack Obama und James Cameron bei Nelson Mandelas Beerdigung. Das hat ja für ganz großen Streit gesorgt, weil dieser Kontext schließlich keiner ist, bei dem man sich lachend vor eine Kamera stellen sollte. Fotos wie diese haben bewiesen, dass das Phänomen des Selfiemachens eben weit außerhalb der sozialen Netzwerke zu diskutieren ist, weil es eben in reale politische Zusammenhänge eingreift. Allen voran stehen dabei die Selfies von unserer Kanzlerin Angela Merkel, die sich mit Flüchtlingen fotografieren lässt. 

Wohin glauben Sie führt dieser Trend noch?

Ich würde vermuten, dass der Trend noch weiter zunimmt und noch normaler wird. Gerade die Nutzung von digitalen Geräten verbreitet sich sicherlich noch weiter – auch international! Viele wissen zum Beispiel gar nicht, dass Smartphones in den ländlichen Gebieten von Afrika verbreiteter sind als das Fernsehen. Aber es muss durchaus auch noch eine Sensibilisierung für das Anfertigen von Selfies stattfinden. Russland musste beispielsweise sogar schon eine „Safety Selfie“-Broschüre rausgeben. Dort kam es zu immer mehr Todesfällen durch immer waghalsigere Momentaufnahmen. Das ist ein weitergehender Trend, den wir kritisch beobachten müssen. 

Zur Person:

Prof. Dr. Anna Tuschling

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Sie hat Psychologie und Germanistik studiert und im Fach Medienwissenschaft promoviert. Jetzt ist sie Juniorprofessur für Medien und anthropologisches Wissen an der Ruhr-Universität Bochum. Für ihren Vortrag „Leben wir im Zeitalter des Selbstbildes?“ hat sie sich auf aktuelle Forschungsergebnisse bezogen und selbst auch regelmäßig am Online-Leben teilgenommen und die Kommunikation dort verfolgt.

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