Studententheater über Tschernobyl

Ein Beitrag von Hanne Ermann

Wir kennen die Bilder von der Katastrophe in Tschernobyl aus Fernsehen, Zeitung und Internet: Das zerstörte Kernkraftwerk, der Sarkophag und die verlassene Stadt Pripyat mit menschenleeren Straßen und volleingerichtete Wohnungen. An genau diesen einsamen Ort reist die junge Strahlenökologin Natalia in Catherine Czerkawskas Stück „Wormwood“. Die ukrainische Stadt ist ihre Heimat, als im April 1986 die unvorstellbare nukleare Katastrophe über die Bewohner hereinbricht. In dem Stück „Wormwood“ des Internationalen Englischen Studententheaters (Duisburg University English Theatre = DUET) stehen genau diese Menschen mit ihren Wahrnehmungen und Gefühlen im Vordergrund.

Vor der Katastrophe ist die Welt noch in Ordnung. Fotos: DUET

Vor der Katastrophe ist die Welt noch in Ordnung. Fotos: DUET

Natalia (gespielt von Melika Saric) beginnt sich an ihr glückliches Leben vor der Katastrophe zu erinnern. In Rückblenden wird deutlich, dass ihr Verlobter Victor (Shaheryar Shah) als Ingenieur im Kraftwerk Tschernobyl angestellt wird. Das junge Paar schmiedet eifrig Zukunftspläne für das gemeinsame Leben im aufblühenden Pripyat. Victor ist davon überzeugt, dass Tschernobyl sicher ist, ansonsten würde er direkt kündigen. Natalias Schwester Tanya (Nadine Kreischer) ist anderer Meinung, sie hat Albträume und fühlt sich in Pripyat unwohl. Gerade als sie und ihr Mann, der Feuerwehrmann Stefan (Daniel Hees), entschieden haben nach Kiew umzuziehen, geschieht das als vollkommen unwahrscheinlich Eingestufte: Ein Unfall im Kernkraftwerk. Natalia und Tanya fliehen mit Tanyas Sohn Anton (Orun De) nach Kiew, ohne ihre Männer, die im Kraftwerk versuchen die unüberschaubare Lage in den Griff zu bekommen.

Wie sicher ist „sicher“?

Die komplexen Ereignisse, die sich nach dem fehlgeschlagenen Sicherheitstest in der Reaktoranlage abspielen, werden in Rückblicken aufgearbeitet. Artemis, eine nicht weiter erklärte Präsenz (verkörpert durch Maame Henewaa Boateng, Maria Krysen und Anita Weidental), fragt den naiv an die Sicherheit des Kraftwerks glaubenden Victor über den Ablauf aus und es werden erschreckend aktuelle Fragen aufgeworfen: Wie sicher ist „sicher genug“? Ist Sicherheit nicht nur einer von vielen Faktoren in einem Kraftwerk? Was passiert, wenn ökonomische und politische Interessen Vorrang haben? Und was passiert, wenn ein Ereignis für so unwahrscheinlich gehalten wird, dass es einfach ignoriert wird?

Ist die Katastrophe ein Naturschauspiel? Die Bewohner der Stadt rätseln.

Ist die Katastrophe ein Naturschauspiel? Die Bewohner der Stadt rätseln.

Dass das Thema des Stücks durch die Autorin Catherine Czerkawska äußert sorgfältig recherchiert wurde, fällt spätestens in den Szenen auf, in denen die Ereignisse im Reaktor detailliert rekapituliert werden. Die genauen Beschreibungen wirken teilweise überfordernd – sind sie auch noch mit Fachbegriffen untersetzt. Der Effekt: Man beginnt sich zu fragen, wie überfordert wohl die direkt betroffenen Menschen mit der nicht für möglich gehaltenen Katastrophe gewesen sein müssen.

Gute schauspielerische Leistungen

Unglaube, Angst, Verlust, Trauma: das Stück thematisiert die menschliche Dimension der Tschernobyl-Katastrophe und den jungen Schauspielern gelingt es teils unaussprechliche Gefühle ohne Übertreibung auszudrücken. Bemerkenswert ist dabei auch das durchweg klar verständliche Englisch der Darsteller. Untermalt werden die bemerkenswerten schauspielerischen Leistungen durch Klavierspiel von Brikenda Ahmetaj und durch Bild- und Videoprojektionen an den richtigen Stellen. Es ist zu spüren, wie viel Energie und Engagement die internationalen Mitglieder von DUET seit Probenbeginn im Oktober in das Projekt „Wormwood“ gesteckt haben – sowohl auf als auch hinter der Bühne.

„Wormwood“ ist sicherlich kein Theaterstück für einen entspannten Abend, sondern regt auf unaufdringliche Weise zum Nachdenken an. Durch die Ereignisse in Fukushima hat das Stück, das 1997 in Edinburgh uraufgeführt wurde, erschreckend an Aktualität gewonnen. Am Ende richtet sich Natalias Blick auf die Zukunft und auch der Zuschauer geht mit dem beklemmenden Gedanken „Was wäre wenn…?“ nach Hause.

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